Montag, 9. Juni 2014

Ist Beinwell (Symphytum officinale) trotz seiner Pyrrolizidinalkaloiden essbar?

Die Dosis macht das Gift:
Beinwell ist in letzter Zeit in Verruf geraten.
Ich kenne viele, die Beinwell die ganze Vegetationssaison hindurch essen. Sie leben. Auch ich habe als Kind schon Spinat mit Beinwell gegessen und geliebt - einfach weil es den nur 1-2 Mal im Jahr gab. Auch heute gönne mir den Luxus hin und wieder, z.B. als Beinwell-Cordon-Bleu. Beinwell wird in der Naturmedizin für alles genutzt, was zusammenwachsen muss, vor allem Knochen und Zähne. Da ich schon mehrfach eine Kreuzbandplastik erhalten habe, weiß ich, dass ich im Anschluss daran immer diesen "Jeap" auf Beinwell hatte. Auch bei Zahnproblemen kann es sein, dass Ihr an einem Garten vorbeilauft, Beinwell entdeckt und der Blick irgendwie an dieser Pflanze hängen bleibt und Ihr gar nicht so recht wisst, warum - weil der Körper weiß, was er braucht.

Warum und wann ist Beinwell so problematisch?  

Die Pflanze hat einen schwankenden Gehalt an sogenannten Pyrrolizidinalkaloiden.  Auf mageren Böden, kurz vor der Blüte und in den Wurzeln beherbergt sie den größten Gehalt dieser Alkaloide. Wenn man die Blätter erntet von Pflanzen auf gut gedüngter Erde zur oder nach der Blüte, dann ist der Gehalt dieser Substanzen also geringer. Beste Sammelzeit ist somit der Juni und Juli. Bis zu 1,8g  finden sich in 1 kg Pflanze (Mittelwert der ganzen Pflanze). Von den  Pyrrolizidinalkaloiden weiß man aus Tierversuchen, dass sie in der Leber aufgespalten werden und so Stoffe entstehen, welche die Leber schädigen können. Die Empfehlung geht dahin, nicht mehr als 0,007mg/kg Körpergewicht pro Tag einzunehmen und das auch nicht über eine längere Zeit. So, nun zücken viele von Euch sicher den Taschenrechner. 1,8g/kg Pflanzen und 0,007mg/kg Körpergewicht! Die nächste Frage, die Ihr Euch dann stellen werdet, und das ist die eigentlich entscheidende Frage in der Praxis: Was wiegt so ein Blatt und wie viele Blätter Beinwell kann ich nun essen? Beinwell hat sehr unterschiedlich große Blätter. Geht als Daumenwert von 2 mittelgroßen Blättern aus, die labortechnisch (dazu lest ihr gleich noch etwas) unproblematisch sind - nicht berücksichtigt ist der sonstige Zustand Eurer Gesundheit.

Labor und Praxis  - da gehen Theorie und Alltag bei den Pyrrolizidinalkaloiden auseinander

Das ist alles mehr oder weniger graue Theorie und die Erkenntnisse zu den Pyrrolizidinalkaloiden stammen aus dem Labor. Die schädigende Wirkung hat man mittels isolierter Alkaloide an Ratten erzeugt, denen man mitunter über Magensonden den Stoff zugeführt hat. Hätte man den gleichen Versuch gemacht, in dem man den Ratten neben einer normalen Mischkost Beinwellblätter hingelegt hätte, so wäre wahrscheinlich keine einzige gestorben, denn von Natur aus, hätten die Ratten rechtzeitig aufgehört zu fressen, bzw. den Beinwell nicht angerührt, sofern ihr Körper nicht danach verlangt. Auch kommen Alkaloide nicht isoliert in Pflanzen vor! Ein natürlicher Cocktail an Inhaltsstoffen wirkt sich ganz anders aus, als eine Einzelsubstanz. Da spielen Bitterstoffe z.B. eine Rolle, die bereits in kleinen Mengen, in der die  Pyrrolizidinalkaloide noch gar nicht kritisch sind, Euch daran hintern, Euch den Bauch vollzuschlagen. Ihr kennt das vom Alkohol. Reinalkohol zu trinken kann schwerste Vergiftungen hervorrufen bis hin zum Tod führen. Ein Glas Wein ab und zu, ist hingegen als gesund zu bezeichnen. Trinkt man aber täglich 2 Gläser Rotwein, dann kippt der Effekt und die Leber nimmt eher Schaden, als dass das Resveratrol im Rotwein die Herzkranzgefäße schützt. Wer kaum Alkohol verträgt, der wird ihn auch meist nicht trinken - und das ist gut so, denn sein Körper hat wohl Probleme bei der Entgiftung und ruft schon deutlich früher zur Mäßigung auf. Wann er Effekt kippt, das ist von Mensch zu Mensch individuell verschieden. Die Dosis macht das Gift und auf die Mischung kommt es an - und auf das eigene Körpergefühl.

Pyrrolizidinalkaloide finden sich in vielen Pflanzen, auch in Heilpflanzen

Beinwell wird schon lange als Heilpflanze eingesetzt und auch gegessen. Es gibt zahlreiche Rezepte wo er u.a. als Blattspinat verwendet wird, die Stängel zu pflanzlichen Makkaroni abgewandelt werden und und und. Schlimme Folgen hat es, den Beinwell mit Fingerhut zu verwechseln und diesen zu essen. Es gibt auch Fälle, in denen Menschen an Gerichten, die zu viel Pyrrolizidinalkaloiden enthalten, erkrankt sind. Das sind so die "Vorzeigeobjekte" für die Panik-macher. Wenn man genau hinschaut, dann stellt man fest: Das waren alles keine Beinwell-Gerichte, sondern Fälle überwiegend im östlichen Raum. Nun guckt der Botaniker dort auf die Flora und stellt fest: Die Nahrung dort war mit bestimmten Pflanzen (wie Sonnenwend-Arten der Gattung Heliotropium) verunreinigt und diese Arten haben  eine deutlich höherer Konzentration an Pyrrolizidinalkaloiden. Dazu gehört z.B. die Europöische Sonnenwende, die bei uns stark gefärdet bis ausgestorben ist. Also nichts, wo man Angst haben müsste, dass man es in tödlichen Dosen sammelt und auch wenn, würdet ihr euch damit strafbar macht.

Die Menschheit wär schon lange tot

Bei uns gibt es allerdings noch einige weitere Arten, außer den Beinwell, welche diese Alkaloide in geringen Mengen enthalten. Dazu gehören die Geiskraut-Arten (Senecio spec.), der Natternkopf (Echinum vulgare), der Borretsch (Borago officinalis) und sogar das Vergissmeinnicht (Myosotis spec.), um nur einige weitere Pflanzen zu nennen. Warum erwähne ich das? Nun, weil viele Wildkräuterfans regelmäßig Vergissmeinnicht-Blätter essen, der Borretsch bei mir zumindest auch im Salat landet und häufig auch in Kräutermischungen für die Frankfurter Grüner Soße zu finden ist.  Panik? Nicht nötig. Da ist nicht viel drin und mit dem, was drin ist, kommt der Körper zurecht, denn das Grünzeug bringt ja auch reichlich gesundes Gegenmaterial mit! Aber noch aus einen anderen Grund erwähnig ich das: Weil  Pyrrolizidinalkaloiden auch im Honig nachgewiesen werden konnten - Natternkopf und Borretsch sind wie Beinwell ausgesprochene Bienen-Pflanzen. Vergiftung mit Pyrrolizidinalkaloiden durch Honig sind aber bisher nicht gemeldet worden. Und bevor ich auf Borretsch, Beinwell und Co verzichte, die so viel Gutes mitbringen, verzichte ich lieber auf die chemische Pampe im Supermarkt, die sich "Lebensmittel" nennen darf und krebserregendes E-Nummer irgendwas enthält und noch viele andere chemisch synthetisierte und bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet Dinge, neu in Form gepresst, damit das wieder appetitilich aussieht, aber die keinerlei sekundären Pflanzenstoffe, keine Mineralien, keine Spurenelemente, keine bioaktiven Enzyme enthalten. Das soll kein Freibrief fürs Massenhafte essen von Beinwell sein, sondern den Kopf wieder gerade auf die Schultern bringen, euch zum Nachdenken anregen, euch wieder mündig entscheiden lassen, ohne die Beeinflussung von profitorientierten Unternehmen.
Sollte einem von Euch mal ein Bericht über Erkrankungen durch Beinwell bekannt sein oder Euch eine Studie dazu in die Hand fallen, bitte schreibt mir! Das Bundesamt für Risikobewertung schreibt selbst:

"Im Tierversuch haben sich bestimmte ungesättigte Pyrrolizidinalkaloide als genotoxische Kanzerogene erwiesen. Obwohl keine Befunde vorliegen, die eine solche Wirkung beim Menschen bestätigen, werden die tierexperimentellen Daten auch für die Risikobeurteilung beim Menschen als relevant betrachtet."
(Quelle: http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_pyrrolizidinalkaloiden_in_lebensmitteln-187302.html#topic_187303)

Nun, in dem Fall müsste das BfR  vor dem Gebrauch von Handys und Mobilfunk abraten, denn setzt man im Tierversuch Ratten dauerhaft der gebräuchlichen Mobilfunkstrahlung aus, ist die krebserregende Wirkung nicht mehr von der Hand zu weisen - oder geht man Befürworten auf dem Leim, dann würde es mich stutzig machen, dass es noch keine einheitlichen Ergebnisse gibt, die von beiden Seiten akzeptiert werden. Wo ist der Vorsorgegedanke hier hin?
Die Lobby ist bei den Pflanzen eine andere und die Imker und Naturheilkundigen sind wirtschaftlich nicht so mächtig, wie die chemische Industrie mit ihren Spritzmitteln oder die "Lebensmittel"industrie mit ihren gigantischen Werbeetats für völlig unnötige Lebensmittel in folierten, bunten Verpackungen, bei der sich Organisationen lediglich über zu hohe Zuckerwerte und bedenklichen E-Nummern brüskieren. Also macht man einen Bereich schlecht, in dem die Menschheit seid hunderttausenden von Jahren schon etliche Erfahrungen hat sammeln können, der nichts kostet und für sich betrachtet perfekt ist: Natur und alles was ihr entspringt und gratis zu haben ist. Denkt selbst nach und geht mit dem, was Ihr hört und lest kritisch um. Lasst euch nicht entmündigen.

Der gelegentliche Genuss von  Beinwell ist in Maßen möglich

Fazit: Sammelt Beinwell zur Blüte oder danach und nur auf fetten Böden. Wer hin und wieder mal ein Paar Blätter isst, weil er das Gefühl hat, er braucht das, bei dem wird die positive Wirkung die negative überwiegen. Wer aber Zweifel hat und das nicht vor sich verantworten kann, der sollte von Beinwell die Finger lassen, denn auch Sorgen machen krank. Wildkräuter sollten eine unbeschwerte Bereicherung sein. Dort wo die Grübelei beginnt, solltet Ihr aufhören oder - wenn Ihr doch neugierig seid - die Dosis auf ein winziges Minimum reduzieren.  Man kann auch Leben, ohne Beinwell zu essen.
Für die, die es wissen wollen: Akute Vergiftungen machen sich binnen 2 Wochen bemerkbar mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Leberproblemen und Leberverhärtung. Treten solche Symptome auf: Sofort zum Arzt! Sagt ihm was ihr gegessen habt, er würde wohl nie auf eine Pyrrolizidinalkaloid-Vergiftung kommen.
Das andere ist: Wer Angst vor der krebserregenden Wirkung der Pyrrolizidinalkaloide hat, sollte Beinwell auch nicht essen - aber dann auch unbedingt das Rauchen einstellen, das Trinken, das Autofahren, das Tanken, das Renovieren und Reinigen seiner Wohnung und Kleidung, das Telefonieren mit dem Handy, das Wohnen im Funkbereich von Sendern...und "dank" der Umweltgifte am besten auch das Atmen. Wir haben uns leider mit deutlich Schlimmeren umgeben als Beinwell.

Kommentare:

  1. Atmen einstellen! Guter Hinweis.
    Ich arbeite dran.

    Was ich gern mal wissen würde, ob diese giftigen Alkaloide nicht beim kochen zerfallen. Habe darüber leider nix gefunden. Würde gern regelmässig Beinwell als Spinat essen. Einfach, weil das Zeug wie Unkraut wächst und 6 Monate im Jahr verfügbar ist. Kosten- und Arbeitsfrei.
    Weisst Du was darüber?
    Die haben das Zeug bestimmt nicht gekocht, bevor sie die armen Ratten damit gefoltert haben.

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  2. Ups, war noch nicht fertig.
    Das Problem ist, dass ich für Spinat ja eine grosse Menge verwende. Ich habe heute welchen gekocht. War sehr bitter, um ehrlich zu sein.
    Das waren für eine Portion ungefähr 30 junge Blätter.
    Danke für Deinen Artikel
    Sylvia

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  3. Hallo Sylvia,
    Viele Alkaloide, so auch die Pyrrolizidinalkaloiden, sind leider sehr hitzestabil und lassen sich auch durch Kochen nicht zerstören. Schade eigentlich, denn eine Tinktur aus in Wein ausgekochten Beinwell-Wurzeln wurde schon im Altertum gegen tiefsitzenden Husten verabreicht. Heute schlägt jeder Apotheker die Hände bei dem Gedanken über den Kopf zusammen.
    Ob 30 Blätter dazu führen, dass man Krebs bekommt oder nicht,kann man schwer vorhersehen. Es ist ja oft nicht nur eine Sache die Krebszellen wachsen lässt, da müssen schon mehrerer Faktoren zusammen kommen, um den Reperaturmechanismus des Körpers in die Knie zu zwingen. Die Summe machts.
    Bei all zu großen Mengen im Garten würde ich den Beinwell teilweise ausgraben und die Wurzeln trocknen und für Beinwellumschläge bei Verstauchungen nutzen (dafür im einfachsten Fall die Wurzel zu Pulver vermahlen und bei Bedarf mit Wasser breiig rühren, auf ein Leintuch geben und auf die schmerzhafte Stelle auflegen. Alle paar Stunden erneuern. Brei aus frischen Wurzeln ist natürlich noch mal so gut :).) Eine Beinwellsalbe oder ein -balsam aus den Blättern ist ebenfalls möglich. Wenn Interesse besteht, kann ich gern auch einmal ein wenig was aus der Naturkosmetik und Naturheilkunde bloggen. Es gibt ein tolltes Beinwellsalben-Rezept für Prellungen und Verstauchungen, bei dem man die Salbe bis zu einen Jahr lagern kann.
    Alles esse sogar ich nicht in riesigen Mengen, denn oft genug lassen sich mehr als eine Verwendung für die Pflanzen finden.
    Wenn Beinwell häufiger auf den Tisch kommen soll, würde ich ihn in Kräutermischungen verwenden. Spinat mit Beinwell, Kräuterbutter mit einigen Beinwellblättern, Stampfkartoffel mit Beinwellpüree usw. Dann mildert sich auch der bittere Geschmack. Gleiches gilt, wenn man den berühmten "Blub" Sahne in den Beinwell-Spinat gibt.
    Den Ratten hat man wie gesagt die Reinsubstanz eingetrichtert. Im Beinwell kommen Pyrrolizidinalkaloiden nur in winzigen Mengen und nicht isoliert vor. Da mach ich mich über krebserregende Spritzmittelrückstände auf konventionell angebautem Obst aus Übersee mehr Gedanken beim Essen.
    Zu deiner Beruhigung: Auch meine Eltern haben füher schon Beinwell-Spinat gekocht und der kam bei uns etwa alle 2 Monate mal auf den Tisch. Das waren sicher auch mehr als 30 Blatt. Wenn ich den heute koche, dann esse allerdings überwiegend ich den, denn Kindern würde ich ein große Menge an Beinwell-Spinat dann doch nicht zumuten und auch bei gehäuften Vorkommen von Krebsfällen in der Familie würde ich vorsichtshalber die Dosis reduzieren und wirklich auf maximal 2 Blatt beschränken.
    Liebe Grüße
    Sindy

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