Montag, 27. Juli 2015

Von Pollenschlachten und falschen Kolibris - der Zauber der Nachtkerzenblüte

Zwei Monate im Bann der Nachtkerzen

Zwischen all der Brennnesselsamenernte ist die Blütezeit meiner Nachtkerzen zu Ende gegangen. Schade. Die letzte Blüte hat heute Morgen ihren Kopf hängen gelassen. Fast 2 Monate hatten sie mir fast jeden Abend volles Unterhaltungsprogramm geboten - werbefrei. Im Zuge der Nahrungsergänzung mit Linolsäure durch Brennnesselsamen (wie bei den Liebeskeksen aus dem letzten Artikel zu lesen), kam mir natürlich auch schon längst der Gedanke einfach direkt Nachtkerzensamen, der ja schon die Gamma-Linolensäure direkt enthält, in unser tägliches Essen einzuführen.  Nur: Ein Tütchen Nachtkerzensamen ist schwer zu finden, die  Samen aus der Gärtnerei sind oft mit Insektiziden behandelt (damit die Käfer sie nicht annagen) und wäre so ein Samentütchen bedenkenlos essbar, es wäre doch rasch aufgegessen. Zudem würde ich Samen aus dem Baumarkt sowieso nie direkt aufs Brot streuen. Also blieb nur eins: Eigenanbau.

Blühende Nachtkerze

Vor 4 Jahren hatte ich eine einzige Nachtkerzenpflanze von meiner Nachbarin geschenkt bekommen, vor 2 Jahren säte ich daraus gewonnen Samen in den Hinterhof unseres Hauses: Mein Testfeld. Dieses Jahr war es eine Augenweide! Nachtkerzen sind 2-jährig. Im ersten Jahr erscheinen die unauffälligen bodennahen Blattrosetten, im zweiten Jahr schießen sie in die Höhe und blühen. So saß ich die letzten Wochen abends zwischen 20 und 22 Uhr vor dem Nachtkerzenfeld und beobachtet das Schauspiel, dass sich an jeden schönen Abend bot. Punkt 20 Uhr kam immer eine einsame Biene angeflogen. Die Vorhut. Sie flog von Pflanze zu Pflanze, um das erste Insekt zu sein, das in die aufblühenden Nachtkerzen klettern konnte und dort den einzigen Nachtkerzenblütennektartropfen ergatterte. Jede Nachtkerzenblüte bietet nur einmal Nektar und blüht nur in einer einzigen Nacht. Wer zuerst kommt, schleckt zuerst. Sobald die erste Blüte offen war, summten ganzen Bienenschwärme heran. Der ganze Hinterhof brummte. Absolutes Highlight war der Besuch eines Schwärmers (siehe letztes Bild), der einem Kolibri gleich, kurz vor 22 Uhr einige Abende pünktlich heransummt und immer die letzten der aufblühenden Nachtkerzen besuchte: "Mama! Schau! Der Kolibri ist wieder da!" Ja, die Natur ist wundersam. Wenn man so einen Schwärmer sieht kann man verstehen, warum es Geschichten von Feen gibt.
Wohlgemerkt: Dieses Naturschauspiel fand im Stadtinneren  auf einem 3 x 3 Quadratmeter großen Stück Innenhof statt. Mehr braucht es nicht, um hundere von Insekten einen Sommer lang glücklich zu machen. Ich kann nur jedem raten - auch wenn ihr in der  Stadt wohnt - möglichst viel Fläche der Natur wieder zugänglich zu machen. Heute mal kein Kochrezept, sondern ein paar schöne Impressionen.

Nachtkerzenfeld in der Stadt
Urbanes Nachtkerzen-Festfeld: 3 Quadratmeter im Bann der Nachtkerzen.
Um 20 Uhr waren die Blüten noch geschlossen...
Blühendes Nachtkerzenfeld
...doch binnen Minuten platzen die Nachtkerzenblüten auf und ihr leuchtendes Gelb
sticht regelrecht in der Dämmerung hervor. Eben wie eine Kerze in der Nacht.

sich öffnende Nachtkerzenblüte
Gleich ist es soweit: Das Schauspiel beginnt und die Nachtkerzen erblühen binnen weniger Minuten.
Bienenbesuch
Und kaum passt eine Biene in die sich öffnende Blüte, quetscht sie sich auch schon hinein: Nektar
gibt es nur für den ersten Blütenbesucher.

Pollen am Schnürchen
Die Viszeralfäden der Nachtkerze lassen den Pollen wie am Schnürchen zusammenkleben.

Käfer auf Nachtkerzenblatt
Manch einen Nachtkerzenbewohner interessiert eher das Blattgrün, nicht die Blüten.

lauernde Spinne unter einer Nachtkerze
Andere Nachtkerzenbewohner interessieren eher die Besucher, nicht die Blüten :)

Ein Häufchen voll Nachtkerzen-Blütenpollen
Was aussieht wie gelbe Krümmelkacke ist ein Pollenhäufchen. Die mit den klebrigen Viszeralfäden
zusammenklebenden Pollen werden von den Blütenbesucher überall an den Nachtkerzen abgestreift,
weil die Insekten sonst zu schwer zum Fliegen werden. Was für eine Pollenschlacht!

Noch eine lauernde Spinne unter einem Nachtkerzenblatt
An Pollen hat diese Spinne kein Interessen.

Larve auf einem Nachtkerzenblatt
Gut das diese Larve keine Ahnung davon hat, dass unter dem Blatt die Spinne auf sie lauert.

Lebensraum Nachtkerze
Pollenhäufchen auf und unter dem Blatt, ein Käfer der munter den Nachtkerze hinaufklettert.
Eine Nachtkerze für sich ist schon fast ein ganzes Biotop.

Pollen der Nachtkerze
Manche Nachtkerzen sind so voller Pollen, dass dieser wie Spucketropfen aus den Blüten herausbaumelt...

Eingesponnener Nachtkerzenpollen
...und manchmal fällt der Pollen direkt in ein Spinnennetz und wird fein säuberlich eingesponnen.

Pollenschlacht
Wie gesagt: Wenn Nachtkerzen blühen gibt es eine Pollenschlacht. Pollen. Überall Pollen.

Aufbrechende Nachtkerzenblüten
Wenn ich Biene wäre, könnte ich bei dem Anblick aber auch kaum widerstehen.

Mühsal der Biene
Diese Biene ist durch den Pollen so schwer und verklebt gewesen, dass sie sich mühsam aufs nächste
Blatt retten und sich erst einmal ordentlich abputzen musste. Die Biene hat ihre Beine an der Blattkante der
Nachtkerze abgestreift (Pollenhaufen im Vordergrund), wäre beinahe abgestürzt und klettert nun mühsam
wieder aufs Blatt, um nach einer Verschnaufpause gleich zur nächsten Blüte zu fliegen.

Bestäubung der Nachtkerze
Auch kleine Bienenarten und Käfer können bei Nachtkerzen nicht widerstehen.

Bienenbestäubung der Nachtkerze
Da fliegt die Biene schon wieder: Schnell zur nächsten, gerade aufblühenden Nachtkerze.
Vielleicht war ja noch keiner vor ihr da.

Futterneid unter Bienenarten
Doch hin und wieder war jemand schneller, oft sind es kleinere Insekten.
Hier hat die Honigbiene die kleinere Bienenart (ich weiß leider nicht welche)
regelrecht aus der Blüte geekelt: Futterneid im Bienenreich. Auch das konnte man beobachten.

Grashüpfer auf Nachtkerzen-Blütenbesuch
Die Grashüpfer stört das nicht, wenn der Nektar weg ist. Er frisst auch Pollen.

Taubenschwänzchen oder Nachtkerzenschwärmer
Auch wenn es mir aufgrund der fortschreitenden Dunkelheit nicht gelang, diesen Schwärmer scharf
aufs Foto zu bannen: Dies ist mein absolutes Lieblingsfoto. Nein, es ist kein Kolibri! Es ist ein Nachtkerzenschwärmer oder ein Taubenschwänzchen. Unterscheiden kann man sie nur an den Flügeln. Leider ist mir das bei den flinken Tieren nicht so ohne weiteres gelungen. Die Schwärmer sind in Deutschland nicht nur wegen der Insektizide selten geworden, sondern auch, weil ihre Lebensräume zunehmend gedüngt oder zerstört werden. Das Taubenschwänzchen gehört zu den noch recht häufig anzutreffenden Schwärmern und wird, da er wie ein Kolibri aussieht, auch Kolibrischwärmer genannt. Viele Schwärmer stehen unter Schutz. Um so wichtiger sind schmetterlingstaugliche Nektarpflanzen wie die Nachtkerze für diese Tiere. Mit ihren langen Saugrüsseln kommen sie viel tiefer in die Blüten als andere Insekten und finden so noch genug Nahrung, auch wenn die fleißigen Bienen schon zuerst da waren.



Einige Tütchen mit Nachtkerzensamen werde ich für 2 Euro plus Versandkosten (Briefporto) zum Verkauf in meinen Shop anbieten, wenn diese etwa Mitte/Ende September erntereif sind. Bio-Ware! Ungespritzt. Bei Interesse könnt ihr euch gerne jetzt schon bei mir melden, vielleicht erspare ich mit ja den Weg meine gruseligen Shop betreten zu müssen :/ Arg. Ich bin einfach kein Verkäufer.

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