Dienstag, 28. März 2017

Seedegg und Brennball - blühende und brenzlige Ostereier ganz ohne Kalorien

Osternester mit wachsender Überraschung aus erdigen Eiern

Mal wieder eine Kollegin, die über zu viele Kilos auf der Waage jammert? Und Ostern steht bevor? Schokoladeneier, Creme-Eier, Nougat-Eier, Eierliköreier. Ach du dickes Ei! Kilofallen überall. Da sollen wir mal wieder ein Lächeln in das Gesicht eines netten Menschen zaubern. Heute eine Geschenkidee aus der Natur, die im besten Fall gar nichts kostet und dazu nicht auf die Hüften schlägt. Die etwas andere Osternestfüllung. Und wenn ihr die Eier richtig bestückt, dann kann man aus dem wachsenden Ergebnis noch etwas Gesundes zubereiten.
Seedballs in Eierform - ein Nest mit 0 Kalorien aber 100% Spaß. Was da heraus sprießt?
Es sind eben echte Überraschungseier ohne Müll.

5 Minuten Matscherei und eine Sommer voller Sammelarbeit

Selber sammeln, selber buddeln - so kosten Samenbomben nichts. Wer seine Samen im Sommer und Herbst für Seedballs selber sammelt, spart Geld, war viel in der Natur und hat  mit der Herstellung der Kugeln viel mehr Freude, einfach weil man weiß, was das für eine Arbeit war. Benötigt werden:
  • Mutterboden
  • Wasser
  • selbst gesammelte Samen von Blumen (oder Baumsamen, z.B.  Ahornpropeller, Eicheln, Lindennüsse, Weißdorn, Kerne aus Hagebutten)
  • wenn nötig etwas lehmigen  Erdaushub von der nächsten Baustelle
Eine Mischung buntes, einheimisches, regionales Saatgut mit Kornblume, Wiesebärenklau,
wilde Möhre und Co. alles was man eben vor der Haustür finden und sammeln kann.
Baulehm und Gartenkompost - eine schöne Mischung.
Alles verkneten und Eier etwa in der Größe von Walnüssen oder Wachteleiern daraus formen. Die Sameneier in 1-2 Tagen durchtrocken lassen und in Eierkartons oder ein Osternest verpacken. Fertig ist eine tolle Überraschung.

Alles mischen und dann gehts an Matschen.

Samenbomen machen heißt, noch mal Kind sein dürfen

Seedbombs, Seedballs, Samenbomben oder Saatkugeln...sie haben viele Namen. Ursprünglich  kommt die Idee aus dem Guerilla-Marketing und es gibt 1000 Rezepte. Rezepte? Für Samenkugeln?  Seltsame Gesellschaft. Es gibt doch tatsächlich Anleitungen zum Dreck mischen, in denen steht "nehmen Sie 200g Lehmpulver und 400g Blumenerde und 50 g Blumensamen" oder es gibt diese Kugeln gar fertig zu kaufen, entweder zum Anrühren als "Fertig-Seedball-Mischung" oder schon fix und fertig zu perfekt kreisrunden Kugeln geformt und alles hübsch verpackt. Oh Mann.

Kinderhände und Matsch. Heute matschen viele Kinder
vorsichtiger oder gar nicht mehr. Sie trauen sich nicht mehr,
aus Angst sich dreckig zu machen, aus Angst vor Keimen,
aus Angst davor, von anderen ausgelacht zu werden.
Traut euch Kinder! Das Leben ist schön.
Wie weit haben wir uns von der Natur entfernt, dass man zum Matschen Anleitungen braucht oder so was als Fertigprodukt kaufen muss. Erinnert euch an die Kindheit. Das war so einfach und lustig. Da ist Erde, da ist eine Pfütze - alles schön durchkneten noch ein paar Samen oder Beeren von den Wildblumen und Büschen in der Umgebung dazu und man sah aus wie ein Schwein und hat sich gefreut wie...ja, ein Kind. Und natürlich haben wir auch Matschkugeln gemacht. Jede Menge Matschkugeln. Wenn die zu matschig waren, wurde noch mehr Dreck in die Pfütze geworfen, bis die Kugeln endlich gut geklebt haben und dann ging die Schlammschlacht los.
Deshalb: Liebe Leute, vergesst den Perfektionsmus und den Konsumirrsinn, lasst euch nicht verführen zum Kauf von Lehmpulver oder Tonerden oder sonst einer unsinnigen "Spezialzutat". Alles nicht nötig.  Muttererde hat Mutterboden und der ist völlig ausreichend. Wenns nicht klebt, noch etwas Baulehm zu - einfach mal ins nächste Loch schauen, was ausgehoben wird. Etwas Wasser zugeben, matschen und fertig. Strohhäcksel gibt es kostenlos im Sommer auf jedem Acker oder im Reitstall, Zoos oder in Tierheimen, sollte die Erde zu fett sein oder der Aushub zu kompakt. Einfach nachfragen.

"Brennball" mit Brennnesselsamen

Heute ist mein liebstes Saatgut für die Seedballs Brennnesselsamen. Kostet nichts, findet man im August im Massen und schon entsteht ein wunderbares Ökosystem. Außerdem keimen Brennnessel in Seedballs viel besser, als alles, was ich bisher ausprobiert habe. Probiert es aus! Macht echte "Brennballs"...aber werft die nicht zum Nachbarn mit dem englischen Rasen, das kann Ärger geben. Bester Platz ist ein Laternenmast am Feldweg oder eine Bank im Park, in Komposthaufennähe oder auch ein Balkonkasten. Warum nicht?  Die Schmetterlinge freut es nächstes Jahr.
Natürlich sind eurer Themen-Fantasie keine Grenzen gesetzt. Mach "Butterfly-Balls" mit Samen für Schmetterlingsblumen, "Bee-Balls" mit Samen für Wildbienenblumenmischungen, "Red-Balls" (oh, das wär eine Marketing-Gag für Red-Bull...Red-Balls können nämlich wirklich fliegen...na jedenfalls kurz) mit Blumensamen von Blumen die rot blühen,  usw. je nach euren Lieblingsfarben und Vorlieben. Simpel. Zur Not hilft die örtliche Gärtnerei mit Samen aus.

Einem "Brennball" mit Brennnesselsamen entstanden: meine Brennnessel.
Doch sie ist für meine Küche tabu, hat sich doch schon ein Gourmet gefunden. Der...

...Admiral war schneller als ich. Der Falter hatte hier bereits sein Ei abgelegt.
Das macht er tatsächlich einzeln: Pro Admirals-Ei ein Brennnesselpflanze.
Ihr dürft also viele Brennballs machen, ...

...denn die Raupe dient mitunter auch einem Vogel oder einer Schlupf- oder Grabwespe als Nahrung.
Was das hier für zwei Hautflügler sind, konnte ich so schnell nicht bestimmen. Ich hoffe nur, dass sie
die Admiralsraupe in Ruhe lassen -  und selbst wenn: So ist die Natur und all das live auf einer
einzigen kleiner Brennnessel. Und alles nur, weil ich letztes Jahr einen Seedball mit Brennnesselsamen
in den Garten geworfen habe. Super, oder? Das faszinierende Ökosystem direkt am Haus!

Die Wissenschaft hinter den Saatbällchen

Der nachfolgende Text ist nur für den, der sich immer fragt, was denn nun an den gekauften Seedballs so besonders ist, außer die hübsche, aber völlig unnötige Verpackung und der aberwitzige Transport vom Hersteller zu euch (und den Samen und die Erden zum Hersteller, die Verpackung für diesen Transport, das Benzin, die Herstellung von Abfüllanlagen und deren Stromverbrauch, der Verpackungsmüll...das muss man sich mal vor Augen führen, was wir da täglich für einen Konsumunsinn fabrizieren) und dann der Transport von euch zu dem, dem ihr das Päckchen schenkt. Der wirft es dann irgendwo hin und in den meisten Fällen wird er nicht nach ein paar Wochen schauen, ob die Samen auch aufgegangen sind. Meist tun sie das nämlich ohnehin nicht. Darum kann man sich fragen, so man denn Spaß an der Wissenschaft hat, wie man den Wachstumserfolg solchen Bällchen erhöhen kann.

Ein paar Dinge erhöhen den Erfolg der Keimung:

 

Seedeggs und Seedballs in Großproduktion. Nächse Woche werden die
Saatkugeln "gesäät": Wettweitwurf mit Kindern. Die Eier kommen in
Osternester. Was da wohl daraus sprießt? Ein echtes Ü-Ei.
  • Nehmt keine Blumenmischungen aus dem Supermarkt, sondern Samen von Wildpflanzen, die ihr am besten direkt vor eurer Haustür gesammelt habt. 
Solche Pflanzen  sind auch den Boden gewöhnt, aus dem wahrscheinlich auch eure Kugel besteht. Versucht es mit Löwenzahn oder Breitwegerich, wenn euch Brennnessel nicht zusagt. Etwas edler sind Klatschmohn und Kornblumen. Wer z.B. Vogelmiere oder Löwenmäulchen nimmt, kann die Erdkugeln einfach im Saatgut wälzen, denn beide gehören zu den Lichtkeimern. Wer Saatbällchen mit Küchenkräutern verschenken möchte, sollte das auch so machen, denn die Mehrzahl der gängigen Küchenkräuter, vom Basilikum, Lavendel bis zum Thymian sind ebenfalls Lichtkeimer.
  • Die Kugel sollten binnen 1-2 Tagen völlig trocken sein, ohne zu zerfallen.
Länger sollte der Trocknungsprozess nicht dauern, da sonst die Keimung in  Kugel beginnt, sie dann aber wieder eintrocknen und absterben.Strohhäcksel, Sand, Sägemehl oder Späne kann helfen, die Erdmischung für Samenbällchen zu optimieren. Einfach testen.
  • Die Kugel lässt sich nach dem Trocknen transportieren ohne zu zerbrechen.
Gerade wenn ihr sie verschenken wollte, sollte sie transportierfähig sein. Lasst ihr sie tatsächlich werfen, sollte sie dem Schwung standhalten, sonst zerkrümmelt sie beim Abwurf.
  • Die getrocknete Kugel zerfällt rasch, sobald ihr sie 1-2 Tage lang immer wieder gründlich gegossen habt.
Das ist der Knackpunkt. Wichtig ist, dass die Kugel zerfällt, damit auch Samen im Inneren der Kugel Keimen können. Blumenmischungen enthalten meist Licht- und Dunkelkeimer, also solche Pflanzen, die Sonnenlicht brauchen und solche, die es beim Keimen abgedunkelt möchten. Daher geht nur ein kleiner Teil der Samen in den Samenbomben auf. Ihr erhöht die Chance beträchtlich, wenn die Kugel in den ersten zwei Tagen "zerfließen" kann. Die Samen haben dann meist genug Feuchtigkeit und  über die vergrößerte Oberfläche haben natürlich auch mehr Samen bessere Wachstumsbedingungen.
  • Sie sollte  nicht größer als eine Walnuss sein.
Mehr Kugeln bedeuten größere Chance, dass wenigstens eine da landet, wo sie wachsen kann. Auch ist durch den Zerfall der kleineren Kugeln die Chance größer, dass auch im Inneren der Kugel liegende Samen zum Keimen kommen. Die meisten Wiesenblumen keimen von Erdoberfläche bis maximal 1 cm Tiefe. Da könnt ihr euch ausdenken, was für Wachstumschance ein Samen im Inneren einer 10 cm Kugel hat.

  • Versucht es zuerst einfach mit Mutterboden ohne den Erdaushub/Lehm.
Einfach eine Kugel aus Erde vor der Haustür formen und in die Sonne oder auf die Fensterbank legen. In 1-2 Tagen sollte die Kugel vollständig trocken sein. Mutterboden ist meist ohnehin schon perfekt. Er ist der regionale Boden an den regionalen Blumen angepasst sind. Die meisten Oberböden kleben durch den Humusgehalt und die eingetragenen Flugstäube schon genug. Wir hier im Oberrheingraben haben direkt unter dem Mutterboden eine erhebliche Löss-Schicht. Löss enthält von Natur aus etwa 5 bis 20% Lehm und das reicht zum Zusammenkleben der Kugeln vollkommen aus, meist muss man dann noch Komposterde zum Auflockern beigeben.

Welche Samen kann man sammeln?

Wilde Möhre, Karden, Sternmiere, Brennnesseln, Taubnesseln, Malve, Storchschnabel, Seifenkraut, Pimpernelle, Wicken, Platterbsen, Klatschmohn, Erdrauch, Löwenzahn, Bocksbart, Rainfarn, Frauenfach, Lein, Königskerze, Ackerstiefmütterchen, Steinklee, Gänseblümchen, Kamille, Veilchen, Leimkraut, Kornblume, Bärenklau, Beinwell, Skabiosa und viele, viele mehr. 
Je näher die Mischung aus der Region kommt, desto besser, denn desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Samen keimen, weil sie an die Umgebung angepasst sind.

Gelegentlich ist auch zu lesen, dass man einfach etwas Vogelfutter (z.B. das verbliebene Winterfutter) in die Saatbällchen mischen kann, doch das ist ungünstig, denn in vielen Vogelfuttermischungen findet sich Ambrosia und auch das muss sich nicht weiter ausbreiten. Und wenn wir schon bei Neophyten sind: Bitte auch keine anderen nicht- einheimischen Kräutersamen wie Springkräuter beifügen. Die Impatiens-Arten sind eine echte Plage für die heimische Natur.

Werfen und wachsen? Schön wäre es.

Ein Werbemärchen: Schmeiße eine Kugel mit Samen drin in die Gegend und schon blüht das überall. Schön wäre es. Seedballs sind ein Marketing-Gag! Geht dem nicht auf den Leim.
Leider landet wirklich nur ein ganz kleiner Teil dort, wo er wirklich gut wachen kann. Das größte Problem ist, dass die Samenkugeln die nächsten Tage aufgehen müssen und die Bällchen dabei ordendlich feucht gehalten werden müssen. Am besten sollten sie dabei zerfallen und dann mit reichlich Regen versorgt werden und zwar über mehrere Wochen hinweg. Also Samenbomben am besten vor einer angekündigen Regenperiode werfen oder zertrümmern und kurz in den Gartenboden oder eine frisch angelegte Wiese einarbeiten oder dort platzieren, wo der Rasensprenkler auch in heißen April und Mai-Tagen für genug Feuchtigkeit sorgt. Bällchen, die im Gebüsch landen oder in einen Randstreifen, haben schlechte Karten: Zu dunkel, zu trocken, zu viele Füße, zu viel Müll... Die besten Methode ist es immer noch die Blumensamen direkt in Blumentöpfe, Blumenkästen oder den Garten in ein dafür hergerichtetes Beet oder eine Wiesenfläche einzuarbeiten und dann regelmäßig zu gießen. Dann keimen tatsächlich die meisten Blumen. Aber dann würde eine Stunde spaßiges Matschen fehlen. Irgendwie auch schade. Ich hatte einen lustigen Nachmittag mit den Kindern und sah danach aus so aus.

Frohe Ostern mit einer wachsenden Überraschung!

Freitag, 24. März 2017

Kräuterquark aus Frischmilch

Ein zu einfaches Rezept? Kräuterquark mit selbst gesammelten Kräutern wird auf so ziemlich jeder Kräuterwanderung als "Wegzehrung" oder "Mitmach-Rezept" angeboten. Ist ja auch so schön vielseitig und der erste Kräuterquark der Saison trägt einfach einen Hauch von Abenteuer in sich. Viel falsch machen kann man auch nicht und Brot oder Kartoffeln werden plötzlich "wild".  Zelebrieren wir den Frühling.
Selbst hergestellter Quark mit selbst gesammelten Kräutern. Köstlich.

Allerdings habe ich einen Faible fürs Selbstgemachte und da ich mittlerweile viel mit Kindern unterwegs bin, dürfen die nun auch ihren Quark selbst herstellen, wenn es der Zeitrahmen zulässt. Viele kennen das gar nicht. "Wie, den kann man selber machen?" Na klar. Das mit den Kräutern sammeln machen wir natürlich auch.

Der 30-Minuten-(Zitronen-)Quark

  • 5 Zitronen
  • 1 l frische Milch (mit H-Milch klappt das nicht so gut)
  • Haarsieb oder Feinsieb
  • Schüssel
Zitrone und Frischmilch, ein Kaffeefilter und ein Glas und
schon gibts Zitronenquark...
...nur 5 Zitronen für 1 Liter Milch auspressen und zur Milch
geben...
...bis sie eindickt...
...dann kommt sie in den Kaffeefilter und ...
...die Molke läuft ab. Im Kaffeefilter kann das länge dauern.
Dafür die Zitronen auspressen und den Saft in 1 l Frischmilch geben und verrühren. Man merkt beim Rühren schon, dass die Milch andickt. Die Dickmilch wird ins Haarsieb gefüllt und dann heißt es warten. Es dauert leider ein paar Minuten (oder wenn der Filter sehr fein ist auch deutlich länger), bis die Molke abläuft. Im Filter zurück bleibt der Quark, schon mit Zitrone angereichert. Fehlen nur noch ein paar Kräuter, etwas Salz und Pfeffer.
Sollte der Quark zu zitronig schmecken (was bei den meisten Kindern überhaupt kein Problem ist, denn Quark pur schmeckt ohnehin nur wenigen, dann lieber mit Zitrone), einfach noch mal ein oder zwei Gläser Wasser über den Quark geben und filtrieren. Der Zitronensaft wird so herausgespült.

Das mit den 30 Minuten ist ein wenig mutig und gelingt nur mit einem Feinsieb. Die Trennung verläuft auch nicht astrein. Etwas vom Milchbruch landet in der abgetropften Molke.

Zitronen-Molke und ihre Verwendung

Die abgetropfte Zitronen-Molke kann ich nur in Maßen zum Verzehr empfehlen. Ich nehme sie als Basis für Salatsoßen, da sie ohnehin schon mit Zitrone angereichert ist. Man kann sie auch zum Kochen oder Backen verwenden oder sein Over-Night-Oat oder Birchner Müsli drin einweichen. Dinkel mit Rosinen über Nacht in Zitronenmolke und mit Honig abgeschmeckt und etwas geriebener Apfel dazu. Ein gutes Frühstück.

Der 2-Tage-Quark

  • 1 l Frischmilch
  • 200 ml Buttermilch
1 l frische Milch mit etwa 200 ml Buttermilch in einer metallfreien Schüssel mit einen Holzlöffel verrühren (lebende Kulturen reagieren mitunter empfindlich auf Metall). Schüssel verschließen und bei Zimmertemperatur 48 Stunden stehen lassen. Dann für drei Stunden leicht erwärmen. Dabei trennt sich die gelbgrüne Molke vom Bruch.
Zum Erwärmen nutze ich einen Joghurtbereiter*. Er hält die Temperatur dauerhaft zwischen 30-35 Grad.  Wer den nicht hat, kann es mit einer warmen Fensterbank oder der Restwärme im Ofen versuchen. Doch Vorsicht: Bei Temperaturen von über 35 Grad werden die Kulturen absterben. Nach dem Temperieren  lässt sich der Quark von der Molke ganz einfach mit einem Feinsieb trennen. Je länger man ihn abtropfen lässt, desto trockener wird der Quark. Meist reichen dazu 2 h im Kühlschrank.
Die abgetropfte Molke ist Rohmolke ohne Zitrone und auch der Quark schmeckt pur und mild. Ohne Kräuter hält er sich gut eine Woche im Kühlschrank und wird dort auch noch etwas fester. Er eignet sich dann auch für selbst gemachten Bresso.

Tipp: Nie wieder Buttermilch kaufen

200 ml Buttermilch in einem Liter Frischmilch verrühren und
8 Stunden bei Zimmertemperatur stehen lassen.
Fertig sind 1,2 l Buttermilch.
200 ml von der selbst angesetzten Buttermilch abfüllen und
damit einen neuen Liter Frischmilch beeimpfen.
Der Rest...hm, lecker!
Wenn ihr schon dabei seid und Milch mit Buttermilch verrührt: Setzt gleich die doppelte Menge an. Die Hälfe der Menge nehmt ihr nach 8 h Standzeit ab. Ihr habt nämlich die Buttermilchkulturen weitervermehrt und 1 l Buttermilch selbst hergestellt. Sie schmeckt viel milder als die gekaufte Buttermilch und ist daher auch meist für Kinder interessanter. Von der selbst hergestellten Buttermilch könnt ihr nun 800 ml trinken und ein Glas davon abnehmen und einen neuen Liter Milch beimpfen und so müsst ihr nun wieder in eurem Leben Buttermilch kaufen, sofern ihr Joghurtbereiter (für Joghurt, dafür eben einmal noch einen Joghurt mit lebenden Kulturen kaufen). Der Joghurtbereiter lohnt sich dann. Mache ich Buttermilch, stelle ich einfach die ganze Schüssel ins Gerät zum Erwärmen. Funktioniert einwandfrei.
  Oder man lässt die Buttermilch weitere 1 1/2 Tage stehen,   
erwärmt sie sachte und sieht wie sich unten die Molke
sammelt, die man dann...
sauber weiterarbeitet. Im Kühlschrank hält sie sich eine Woche, spätestens dann sollte der nächste Frischmilchliter für Buttermilch angesetzt werden.  Wenn man bedenkt, dass Buttermilch pro Liter im Supermarkt rund 90 Cent kostet und damit teurer ist, als Dumping-Preis-Milch, dann kann man über die Dauer seinen Lebens schon machen Euro sparen. Doch nicht das Geld war bei mir entscheidend,
sondern die Vermeidung von Plastik- und Aluminiummüll. Dies nur as Gedankenimpuls. Nun wieder zurück zum Kräuterquark :)

Rezept für den Kräuterquark-Klassiker a la "Eigenbau"

...durch einen Sieb vom Bruch trennt. Zurück bleibt
ein milder, etwas körniger Quark und Molke pur.
  • 250-300 g Quark
  • Saft einer 1/2 Zitrone (beim 10-Minuten-Quark nicht notwendig!)
  • Salz, Pfeffer
  • jede Menge Wildkräuter aller Art, von der Menge etwa die des Quarkvolumens

Die Veilchen lachten mich auf der Wiese an.
Wer kann da widerstehen? Also rein in den Quark!
Dieses Mal startet die Saison mit Knoblauchrauke, Pimpernelle, Löwenzahn, Giersch, Gänseblümchen und Schafgabe. Als besonderes "Bonbon" kamen dieses Mal noch ein paar Veilchen hinzu, weil sie grade blühen. Nicht zu viele, die schmeckt man sonst penetrant heraus. Die Kräuter waschen, kleinschneiden und mit den übrigen Zutaten verrühren. Abschmecken und fertig.

Fast vollständiges Eigenversorgeressen

Quark, Kräuterhack und noch etwas selbstgemachtes     
Kräutersalz dazu, durchrühren und genießen.
Tja, so ein popeliger Kräuterquark und schon wird man nebenbei unabhängig von Buttermilch und Joghurt - nichts mehr in Plastikbechern und mit Aluminiumdeckeln. Mit dem selbst hergestellten Quark und dem Sammeln der Kräuter ist der Kräuterquark vollständig handemacht. Dazu am Besten selbst gebackenes Brot aus selbst angesetztem Sauerteig. Fehlt eigentlich nur noch die selbst gezüchtete Kuh und der selbst bestellte Acker fürs Getreide.
Wie Milchintensiv Quark ist, sieht man erst, wenn man in selbst gemacht hat. Knapp 300 g bekomme
ich aus 1 Liter Frischmilch. Es steckt eine Menge Milch in Quark.
Bei der Quarkherstellung fallen als Nebenprodukt  Buttermilch und Molke an.
Dafür nehme ich die Version ohne Zitrone!

Freitag, 10. März 2017

Mit einem Spitzrabau, 23 kleinen Rabauken und zwei Feuersalamander unterwegs

Ein schwarz-gelbes Pflanzerlebnis bei Regenwetter

Obstbäume mit Schulklassen im Regen zu pflanzen war schon eine besondere Aktion. Wir haben unser Exemplar, einen Spitzrabau-Apfelbaum, quer durch den Weinheimer Exotenwald zur Pflanzstelle getragen. Natürlich gab es wegen des Wetters erst mal lange Gesichter bei den Kindern: "Wie? Die Streuobst-Tante will trotzdem mit uns auf die Wiese? Bei diesem Regen?" Das zumindest war in dem einen oder anderen Gesicht abzulesen, ausgesprochen hat es keiner. Tapfere kleine Mannschaft! Belohnt wurden sie tierisch, denn wir haben nicht nur eine  Eidechse aus dem Pflanzloch gerettet, sondern auf dem Weg zur Wiese gleich mehrerer Feuersalamander entdeckt. Ein Ausflug in die Tierwelt.

Der gebänderte Feuersalamander (Salamandra salamandra ssp. terrestris)
ist aktuelle auf Partnersuche.

Die namensgebende Unterart Salamandra salamandra salamandra,
der gefleckte Feuersalamander, sucht ebenfalls nach einem passenden Paarungspartner.

Feuersalamender Lurchi: Kindheitserinnerungen und Sympathieträger

Unkrautgourmets sind Feuersalamander wahrlich nicht, denn sie ernähren sich von Schnecken, Insekten und Würmern. Damit sind sie mir sympathisch. Wer will schon Brennnesseln mit Schnecken dran essen? Doch die eigentliche Sympathie entstammt meinen Kindheitserinnerungen: Lurchis Abenteuer* . Das waren damals die Geschichten, mit denen wir zu Hause das Schreibschriftlesen geübt haben. Und was auch immer das für eine Quälerei war, Lurchi war einfach toll. Schon schade, dass viele Kinder Klassiker wie diesen heute kaum mehr kennen.

Ammenmärchen: Vom Killerlurch und tödlichen Ohrenschmalz

Das Feuersalamander keine Eier legen, sondern bewegliche Larven in Wassergeburt zur Welt bringen, das ist schon etwas Besonderes, aber die Kinder interessierte natürlich am meisten das Gift. Als ich davon erzählte, dass Feuersalamander am Rücken Giftdrüsen haben mit denen sie ihr ganz eigenes Gift bis zu einen Meter weit schießen können und dass diese Drüsen auch am Ohr sind, da schaute mich ein Mädchen mit großen Augen an: "Die schießen giftiges Ohrenschmalz?" Ähm. Nein, nicht wirklich. Wenn Salamander Ohren hätten, würde das Gift sicher wohl auch das Ohrenschmalz vergiften. Aber Ohren haben sie nicht. Sie "hören" Vibrationen und somit auch Schall mit dem ganzen Körper. Das Gift ist ein Alkaloid, also eine Stoffgruppe, welche die Wildkräuter-Fans unter euch sicher nicht fremd ist, denn Alkaloide finden sich recht häufig in giftigen Pflanzen wie den Nachtschattengewächsen z.B. der Tollkirsche. Der Feuersalamander synthetisiert aber seinen eigenen Alkaloid-Cocktail, der sogar nach ihm benannt wurden. Daraus kann man ein echtes Mantra machen: Samandarin, Samandaridin und Samandaron. Das dem Gift das "l" aus dem Salamander fehlt, liegt wohl daran, dass Chemiker keine systematischen Zoologen sind. Vielleicht hatte der Zoologe aber auch einen Sprachfehler oder der Chemiker einen Hörschaden. Oder der Biochemiker war so ein tippender Fehlerteufel, wie ich es bin und dann hat einfach ein "l" gefehlt :). Es darf gemutmaßt werden. Ich tippe auf Hörschaden, denn sonst müsste es z.B. Salamanderin heißen - mit "e", nicht mit "a". Heißt ja auch Salamander. Aber vielleicht bin ich auch zu sehr Biologe und zu wenig Chemiker und die ganze Nomenklatur hat doch einen wirklichen Hintergrund. Ich lasse mich da gerne aufklären.

Abwehrmittel: Ein fungizider und bakterizider Lurch

Wie auch immer nun die Giftstoffe geschrieben werden, Menschen sterben daran nicht. Allerdings kann Salamander-Gift auf zarter Kinderhaut und bei empfindlichen Menschen brennen und ins Auge sollte man das auch nicht bekommen. Das Gift dient in erster Linie der Abwehr. Besitzer von jungen Hunden oder Katzen sollten bei Feuersalamandern jedenfalls lieber einen Bogen um die Lurche machen, denn wenn ein junger Hund in einen Feuersalamander beißt, dann ist das äußerst unangenehmen, im schlimmsten Fall auch tödlich. Doch die meisten Haustiere werden es überleben und daraus ihre Lehren ziehen: Nämlich nie wieder in eine schwarz-gelbe-Wurst zu beißen. In erster Linie jedoch dient das Gift der Hautpflege. So ein Lurch verbringt einen Großteil seines Lebens in feucht-modrigen Winkeln im Wald oder Höhlen - Heimat unzähliger Mikroorganismen, die aufs Zersetzen ausgelegt sind. Die feuchte Haut des Feuersalamanders wäre ein optimaler Nährboden für  Schimmelpilze und Bakterien, wenn, ja wenn da nicht die Gifte wären, die eben Schimmelpilze und Bakterien am Wachstum hindern. Trickreiche Natur.

Seltenheiten: Vom Feuersalamander und Spitzrabau

Auf der Roten Liste ist der schwarz-gelbe Lurch - noch - nicht zu finden, hat aber bereits den Status von "besonders geschützt" erreicht, sozusagen die Vorstufe der vom Aussterben bedrohten Arten. Es gibt also noch Hoffnung. Im Weinheimer Exotenwald kriechen auf alle Fälle mindestens 2 Exemplare herum. Und irgendwie ist es schön zu wissen, dass man solche Tiere vor der Haustüre hat und dass sie, sofern sie nicht unter die Räder oder in eine Hundeschnauze kommen, durchaus 20-50 Jahre alt werden können. 20-50 Jahre! Dann sind die Viertklässler von gestern erwachsen, haben hoffentlich einen Partner fürs Leben gefunden, einen schönen Beruf und eine glückliche Zukunft. Vielleicht kommen sie dann zu ihrem gestern gepflanzten Baum zurück, vielleicht sogar mit ihren eigenen Kindern und sammeln die lustig geformten Äpfel auf. Denn dann ist unser gepflanzter Spitzrabau  ein stattlicher Baum im ertragsfähigen Alter geworden und erfreut Mensch und Tier, weil er doch etwas Besonderes ist. Die Odenwälder Lokalsorte galt viele Jahre als verschollen. Von der Sorte her an sich ist der Spitzrabau bis auf die spitz zulaufenden Äpfel nicht besonders. Die Äpfel haben kein besonderes Aroma und sind noch nicht mal lange lagerfähig. Saften und Backen kann man mit ihnen aber prima. Das Besondere ist eher der Baum, denn als Apfelbaum ist der Spitzrabau sehr robust und anpassungsfähig, wird sehr alt und sehr groß und bietet damit wieder Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten und Äpfel. Wer weiß schon, ob im Jahr 2067, nicht ein Apfelbaum gesucht wird, der genau diese Eigenschaften besitzt, z.B. um den Klimawandel zu trotzen? Ob in seiner Krone nicht eine Flechte wächst, die als Mittel gegen Krebs entdeckt wird, oder zu seinen Füßen ein Feuersalamander kriecht, dessen Gift als Mittel gegen multiresistente Keime weiterentwickelt wird. Wir müssen weiter denken. 7 Generationen weiter. Wir wissen nicht was kommt, daher ist es so wichtig, zu erhalten, was wir haben und nicht alles immer nur auf den sofortigen, persönlichen Profit zu richten. Immerhin: In 50 Jahren stehen dann hoffentlich an der  badischen Bergstraße zwischen Weinheim und Schriesheim ein paar  Spitzrabau-Apfelbäume im besten Alter, denn ich werde neben dem Exemplar in Weinheim diesen Monat noch 2 weitere Bäume mit Schulklassen pflanzen dürfen und ich bin gespannt, was wir dabei erleben.
Mein Dank geht an dieser Stelle den Unesco Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, der die Bäume gespendet hat.
Pressebericht in den Weinheimer Nachrichten


Auflösung vom Bilderrätsel

Ja! Mein anonymer Rätselknacker hat des Rätsels Lösung aus dem vorherigen Beitrag gefunden: ein Fliegenpilz. Stimmt, kann kaum etwas anderes sein, auch wenn ich beim Betrachten des Rätselbildes in erster Linie an einen verschimmelten Erdbeerkuchen dachte. Herzlichen Glückwunsch :).

Unverkennbar: Der Fliegenpilze. Er stammt aus der selben Gattung Amanita wie der Knollenblätterpilz.
Auch wenn man sie beide nicht essen kann, sind sie als  Mykorrhiza-Pilze wichtige Helfer
unserer Waldbäume und sollten daher auch nicht zerstört werden. Hauptwirkstoff ist nicht das Muskarin,
sondern die Ibotensäure, die binnen 2 Stunden nach dem Essen auf das Nervensystem wirkt und in
schweren Fällen auch zum Tod führen kann.
Apropos Erdbeerkuchen:  Jetzt ist auch endlich wieder Zeit, die Wildkräutersaison zu starten.

Montag, 6. März 2017

Bildmotiv erraten: Was bin ich?

Wundersame Makrofotografie


Heute nur kurz und mal was ganz anderes, weil es aber eine typische Situation ist, die wohl fast jeder kennt, der häufig Fotos schießt, möchte ich euch das nicht vorenthalten. Bei der Durchsicht meiner Bilder saß ich eine ganze Weile vor diesem Bild und fragte mich: Was zum Kuckuck hab ich da denn fotografiert? Es war in meinem "noch zu sortieren" Ordner abgespeichert, also dort, wo ich alle möglichen Fotomotive hin packe, die ich noch einsortieren muss. Als ich drei Bilder weiter dann gesehen hatte, was ich da mit dem Makro festgehalten hatten, musste ich doch ein wenig schmunzeln. Typisch ich. Die Auflösung findet Ihr die nächsten Tage dann im nächsten Blogbeitrag, auch wenn sie so gar nicht dazu passen wird :). Viel Spaß beim Raten.


Was ist das bloß?

Samstag, 4. März 2017

Apfelknospenöl für die Massage gegen Kopfschmerzen oder zur Möbelpflege

Ich mag den Winter, weil man sich auf den Frühling freut. Zum Glück erwacht die badische Bergstraße immer ein paar Wochen früher als im Rest der Republik aus dem Winterschlaf. Für euch hat das den Vorteil, das ihr etwas "Vorlaufzeit" habt. Wenn ich hier also Rezepte mit Apfelblüten bringen, habt ihr meist noch 1-4 Wochen euch darauf vorzubereiten. Apropos Apfel....

Apfelknospenöl ist vielseitig anwendbar und total einfach herzustellen.
Heute im Blog: ein Rezept von Hildegard von Bingen und eine "moderne" Variante.

Der eine oder andere hat es bereits gemerkt, seid November letzten Jahres, darf ich mich Streuobst-Pädagoge nennen. Bisschen lustig ist das schon, denn eigentlich ist das Diplom in Biologie nach 5  Jahren Studium ja deutlich mehr Wert als eine 1-jährige Ausbildung, aber der Mehrwert des Streuobst-Pädagogen scheint in der Gesellschaft aktuell angesehener zu sein, als wieder so eine brotloser Wald- und Wiesen-Biologe. Nur: Was macht so ein Streuobst-Pädagoge?

"Was machen Sie denn da als Streuobst-Pädagoge?"

Genau diese Frage stelle mir eine Mutter, deren Kind bei mir in der "Streuobst-Werkstatt" ist. "Was machen Sie denn da", etwas verschämt fügte sie "das ganze Jahr über?" hinzu. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass man früher die meiste Zeit draußen in der Natur gearbeitet hat. Als ich ihr von Insektenbeobachtung, Vogelstimmenexkursionen, Wiesentypen, Wildkräutern, Sensen, Baumschnitt, Nützlingshilfen, Wildbienen, Tierspuren, Kräuterbrot backen, Saften, Ernten, Sortenbestimmungen, Klimaschutz und Biodiversität erzählt hatte und noch lange nicht am Ende war, wurde ihr dann plötzlich klar, dass so eine scheinbar unspektakuläres Streuobstwiese doch ein umfangreiches Lehr-Programm bietet und irgendwie auch einen Menschen braucht, der den Rundumschlag in Sachen Wissen, Spiel, Spaß und Pädagogik mitbringt.

Natürlicher Kulturlebensraum braucht den Menschen

Streuobst-Pädagogen nehmen also jeden mit auf die aktuell letzten Reste des artenreichsten Kulturlebensraumes Mitteleuropas: Steuobstwiesen. Da zeigen wir, wie man Obstbäume schneidet, Wiesen senst, welche Wildkräuter (Aha! Da heißt das dann nicht mehr Unkraut ;)) man essen kann und welche nicht, aber auch, wie wichtig solche Pflanzen sind, die man eben nicht essen kann oder darf, wie etwa die geschützen Knabenkräuter (Orchideen), je nach Standort auch die Trollblume und so wunderschöne, wie die  Kuckuckslichtnelke. Herrliche Pflanzen gibt es da und jede hat ihren Sinn und ihren Platz in der Natur.
Aber wir beschäftigen uns auch mit Tieren, von der Ameise bis zum Zaunkönig, und ganz klar mit der Ernte und Verwertung von allem einheimischen Obst (und Wildobst) und versuchen den interessierten Menschen all die vielen Zusammenhänge zu erläutern, die ein Ökosystem wie die Streuobstwiese ausmachen. Es geht also weit über die Kräuter-Pädagogik oder die Ernte von Obst hinaus. Sehr weit. Und das Schöne: Es ist Kulturlebensraum! Er darf, kann, ja muss sogar vom Menschen genutzt werden, um die ökologische Vielfalt zu bewahren und zu fördern. Nur wie nutzen? Einfach nur ernten und essen? Nein, nein, da muss schon zugepackt werden. Und da kommt meine geliebte Sensen ins Spiel. Und meine Astscheren ...und die Teleskopsäge....und der Rechen....und die Büschelbinde...der Spaten...und überhaupt sind bis hin zur Obstpresse viele traditionelle Geräte mit dabei. Grandios: Moderner Naturschutz mit alten Methoden. Es kann so einfach sein. Das alles eben zeigen und lehren die Streuobst-Pädagogen. Ich brenne für das Thema, schon allein deshalb, weil man sieht, das der Mensch die Natur durchaus ökologisch kultivieren, seine Nahrung daraus beziehen kann und die Natur davon auch noch davon profitiert, mit einen Artenreichtum, wie er in keiner anderen Kulturlandschaft zu finden ist. Eine Symbiose von Mensch und Natur, wenn man so will.
Auf der Streuobstwiese geschieht alles in Ruhe und im Einklang mit der Natur (da ist mein Lieblingsthema Entschleunigung wieder), ohne sie zu Höchstleistungen zu pushen, auch wenn man mit dem richtigen Obstschnitt so einen Obstbaum tatsächlich zu Höchstleistungen antreiben kann. Ganz klar, 100% Ausbeute gibt es hier nicht, es sind etwa 80-90%, der Rest der Ernte fällt Schädlingen oder dem Wild anheim, aber nur ein kleiner Teil, denn die Nützlinge (dazu zähle ich auch die Jäger) halten die Schädlinge in Schacht - es ist eben jene berühmte ökologische Gleichgewicht, das wir in unserer Gier und unserem Streben nach Gewinnmaximierung verlernt haben zu respektieren.

Fitnessstudio Streuobstwiese

Zwei fleißige Schüler und "ihr" Birnenbaum. Streuobst-Bäume stehen längst nicht alle auf Wiesen.
Viele stehen als Allee an einer Straße oder als Einzelbäume am Feldrand.
Und alles ohne Spritzmittel, ohne schweres, lautes, Treibstoff verbrauchendes Gerät. Dann - oh ja - ist das Ganze echte Handarbeit und ziemlich schweißtreibend, aber ich schwitze lieber auf einer duftenden Wiese beim Sensen, als im klimatisierten, schadstoffbelasteten Fitnessstudio. Die Menschheit treibt seltsame Zivilisationsblüten. Dabei hat die Evolution doch genug Bewegung bei der Essensbeschaffung vorgesehen.  Nun ja. Möge die menschliche Intelligenz zu Erleuchtung und Einsicht führen und auch der Büro-Sapiens einen Weg finden, wie er Bewegung und Essen kombinieren kann :D.

Lange Rede. Heute mal ein kleiner Einblick in die Arbeit einer Streuobst-Tante. Eine Aktion an zwei Tagen a 60 min an der Karl-Drais-Gemeinschaftschule Heddesheim.

Apfelknospen als "Abfallprodukt" beim Obstbaumschnitt

Schnittgut ist gut. Es lässt sich für vieles Nutzen: ob als Brennholz, Nagerhölzer für Heimtiere,
Frühlingsgestecke oder für die Gemmotherapie z.B. nach Hildegard von Bingen.
Das Öl entstand sozusagen als "Abfall-Produkt" unserer Obstbaumschnitt-Stunde. Jede Menge Apfelknospen fielen bei Verschneiden an. Wie schade ist das denn? Wegwerfen? Die Kinder hatten sofort die Idee, einen Teil zu bündeln und für ihre Nagetiere mitzunehmen. Knabberholz mit frischen Apfelknospen - eine wahre Delikatesse. Theoretisch hätte nun ein Teil des Schnittguts auch als Brennmaterial für den brandneuen Lehmbackofen der Schule eingelagert werden können, doch wir haben keine Lagerfläche gefunden. Die Werkstatt ist neu. Wir arbeiten daran. Ein  paar Knospen knubbelte ich mir noch zum Verräuchern ab und dabei fiel sie mir wieder ein: Die heilige Hildegard. Die hat doch was mit Apfelknospen gemacht - gegen Kopfschmerzen. Und in der Tat:

Zutaten für das Apfelknospenöl gegen Kopf- und Bauchschmerzen frei nach Hildegard von Bingen für Kinder 

Original nach Hildegard: Olivenöl und Apfelknospen.
Zusätzlich: Gefäß, Korken, Schnur und ein Etikett -
fertig ist ein tolles selbstgemachtes Mitbringsel.

Das Originalrezept nach Hildegard von Bingen
  • 10-20 Apfelknospen
  • 100 ml Baumöl

Die Knospen leicht anquetschen, in ein Schraubglas geben und mit Öl begießen. Das Öl eine Woche auf der Fensterbank (warm und im Sonnenlicht) ziehen lassen, dann die Apfelknospen durch ein Sieb abseihen und das Öl in einer dunklen Flasche kühl bis zur Verwendung aufbewahren. Das war es schon. Bei beginnenden Kopfschmerzen die Fingerkuppe mit Öl befeuchten und die Schläfen damit massieren. Es ist nicht zum Einnehmen gedacht!


Hildegard von Bingen, die Gemmotherapie und die Schüler

Zugegeben, wir haben das Rezept abgewandelt. Hildegard von Bingen hat "Baumöl" verwendet und es ist anzunehmen, dass ihr Kloster zu ihrer Zeit Olivenöl aus Griechenland oder Italien bezogen hat. Wer es also wirklich nach Hildegard von Bingen zubereiten möchte, kann auf Olivenöl ausweichen und sich an oben notiertes Originalrezept klammern. Ich persönlich finde Olivenöl äußerlich angewendet schrecklich penetrant im Geruch. Daher weiche ich lieber auf Mandelöl aus. Es hat einen lieblicheren Eigenduft und man riecht nach einer Massage nicht wie ein antiker Olympionike nach einer Runde Allkampf. Auch zieht es deutlich schneller ein.
Hildegard schrieb nichts vom Anquetschen der Knospen. Ich hab das mit dazu genommen, damit die Kinder mal den Mörser verwenden können und das Gefühl haben, für das Öl auch noch etwas "getan" zu haben, außer es nur zu übergießen und zu warten. Pädagogen eben.
Gerne hätten wir ein natürliches Etikett aus Karton oder Elefantenpapier genommen, aber all zu
leicht saugt der Karton das Öl auf, das beim Verwenden auch mal an der Flasche entlang tropft
und dann verschmiert alles und sieht nicht mehr schön aus. Ausnahmsweise also hier das Etikett
in Plastik für die Ewigkeit laminiert.

Gemmotherapie - altes Wissen neu entdeckt

Ob es nun die Massage ist, die die Kopfschmerzen lindert oder die Inhaltsstoffe der Apfelknospen, darüber lasse ich mal die Pharmakologen und Physiologe diskutieren. Die Gemmotherapie, also die medizinische Anwendung von Knospen aller Art, ist eine eher noch unbekannte, aber letztendlich schon sehr alte Wissenschaft. Seltsam, das da noch kein neuer Hype/Trend draus geworden ist. Wenn das jemand beginnen möchte, bitte! Wenn dann jemand reich damit wird, wäre es schön, wenn er dann ein paar Euro für meine Schul-Apfelsaftpresse spenden würde (mich dafür einfach anschreiben). Wahrscheinlich verhält es sich mit den Knospen, wie mit dem Tannentee. Zu billig, zu leicht erhältlich, also wird es nicht verkauft, ehe da nicht jemand mit viel Aufwand und Geld eine riesige Marketingmaschinerie in gang bringt um so etwas Einfaches wie Knospen-Produkte zu verkaufen und alle denken wie toll und einmalig das denn ist, dabei ist das Wissen schon uralt. Nur wer kann heute noch Altdeutsch lesen?

Apfelöl als "Nasen-Bonbon"

Meine Schulkinder jedenfalls sind echte "Schnüffelnasen". Ihr Apfelknospenöl musste natürlich irgendwie auch nach Apfel riechen. Also waren wir so frei und haben noch ein paar Tropfen Apfelöl zugefügt. Hildegard möge mir verzeihen, aber auf diese Weise kann man ihr verstaubtes Wissen wieder an ganz junge Menschen bringen. Und das Öl ist jetzt "der Hammer". Leider habe ich keinen Anbieter gefunden der Bio-Apfelöl als Parfümöl anbietet.

Apfelknospenöl als Massageöl gegen Kopf- und Bauchschmerzen

Hildegard empfahl ihr Öl übrigens nicht nur bei Kopfschmerzen, sondern auch bei Leber- und Milzschwäche, bei Bauchschmerzen und Sodbrennen. In dem Fall den Bauch an der entsprechenden Stelle damit salben. Ob es hilft? Allein eine Massage tut ja oft schon Wunder und da braucht es auch kein Kopfschmerzen verursachendes überteuertes Massageöl, da hilft auch ein selbst hergestelltes Apfelknospenöl. Ob das nun der Effekt der Wirkstoffe aus der Gemmotherapie ist oder ein Placebo-Effekt spielt für mich keine Rolle. Meinen Kindern hilft es im 90% der Fälle, wahrscheinlich weil sie wissen, dass das die Mama gemacht hat und in so einem Öl viel Liebe steckt - und die ist unbezahlbar und ohnehin heilsam.

Welches Öl kann man verwenden?

Jedes. Das Rezept funktioniert mit Mandelöl...Rapsöl...Sonnenblumenöl...Haselnussöl... Hauptsache Öl. Für mich ist vor allem der ökologische Aspekt wichtig: Hauptsache heimisches Öl. Wenn ihr eine Ölmühle in eurer Nähe habt, dann nehmt bitte das Öl von dort. Regional ist immer besser und der lokale Produzent freut sich und ihr könnt euch evtl. wieder mit jemandem netten unterhalten - so richtig von Aug zu Aug, nicht per SMS.

Bitte nur in Fingerhut-Mengen Knospen sammeln

Am Besten setzt man das Öl mit Knospen an, wenn die Obstbäume, so wie jetzt ohnehin geschnitten werden. Dann fällt so viel Schnittgut an, das gibt Knospen im Überfluss.  Also nicht  herausgehen und aufs grade Wohl Apfelknospen von fremden Bäumen zupfen. Wer keinen eigenen Apfelbaum hat, fragt den Bauern in seiner Nähe, wann er seine Apfelbäume schneidet. Er gibt euch gewiss gern ein paar Schnittgut-Zweige mit. Bei wild wachsenden Bäumen gilt das Prinzip: Die Sammelmenge von Knospen spielt sich im Fingerhut-Bereich ab, die von Kräutern in Körben und die von Äpfeln in Säcken. Es reicht also eine halbvolle Streichholzschachtel für den persönlichen Bedarf!

Apfelknospenöl-Reste für die Holzmöbelpflege

Stillleben in Öl. Apfelknospen geben ihre öllöslichen Wirkstoffe im Laufe einer Woche ans Öl ab,
in dem sie eingelegt werden. Täglich schütteln und zimmerwarm stellen fördert den Vorgang.
Danach das Öl filtern und abfüllen. Hält sich bis zu 6 Monaten und kann nach Ablauf der Zeit
zur Holzmöbelpflege verwendet werden.
Bei uns hält sich das Öl etwa 4- 6 Monate, dann ist es entweder aufgebraucht oder wird 1:1 mit Salz vermischt und zur Holzmöbelpflege genutzt. Richtig, zur Holzmöbelpflege. Also nicht wegschütten! Die alten Griechen haben mit einen Olivenöl-Salz-Gemisch ihre Holzboote gepflegt.  Ich nutze es für meinen unbehandelten Holztisch auf der Terrasse (ja, der auf den Fotos) und für die Außenseite der Fensterrahmen, an denen der Lack im Laufe der Jahre dann doch seinen Geist aufgegeben hat. Aber auch mein Schreibtisch und diverse Holzregale im Innenbereich sind schon in den Genuss dieses Öls gekommen. Unbehandelte Holzmöbel saugen das Öl binnen weniger Minuten vollständig auf. Danach ist es ein Tick satter in der Farbe und sieht einfach wieder frisch aus.
Übrigens zieht Olivenöl wie Mandelöl gleichermaßen in unbehandeltes Holz ein. Auch da macht es keinen Unterschied, welches Öl ihr verwendet.
Dennoch: Ihr braucht jetzt keine 20 l Apfelknospenöl anzusetzen. Ein halber Liter ist für den Hausgebrauch vollkommen ausreichend. Seid nicht gierig! Die Natur bietet zu jeder Jahreszeit irgendetwas, das hilft und man hat die Schränke nicht so voll.

Ein nettes Wellness-Geschenk: Apfelknopsenöl nach Hildegard von Bingen.

Kurioses zum Schluss -  Holzbündel für Nagetiere im Internetshop

Schüler: "Du, Sindy, was ist eigentlich so ein Büschel voller Apfelzweige für Nagetiere wert, wenn wir die verkaufen?"
Mal nachgucken. Apfel gibt es nicht, aber Weide. Krass! 2,49 Euro für 20 Bleistift lange Stücke plus 1,99 Versandkosten. Kauft so was jemand? 83 Bewertungen...muss wohl jemand kaufen...Uhi! Wie viele Nagerhölzer können wir aus dem Verschnitt herstellen? Ach du Schande. Das wäre eine Apfelsaftpresse für meine Schulprojekte!
Sindy: "Ähm. 2,50 Euro."
Schüler: "Echt?! Boah, cool. Dann wird die Schule reich."
Ich verkneife mir ein Lachen Anbetracht von 83 Bewertungen. Schön wäre es, den Schulen fehlt es wirklich an Geld.

Meine Schüler fanden die  Stunde mal wieder super. Die salben jetzt die von Kopfschmerzen geplagten Lehrer mit Apfelknospenöl. HA! Ich hoffe, euch hat es auch Spaß gemacht und freue mich wie immer über Kommentare und Bestellungen für Nagerhölzer. Hab ich schon erwähnt, das ich für eine Apfelsaftpresse sammel?

Mittwoch, 1. März 2017

Apfel-Kvass

Wir warten aufs Unkraut. Laaaangweilig. Mir fehlen meine Brennnesseln, mein Giersch, meine Schafgabe, der Löwenzahn, das Wiesenschaumkraut... die drei kleinen Brennnesselblättchen, die sich schon herausgetraut haben, mag ich noch nicht ab zupfen. Was tun? Sport ist gut. Bei mir heißt das: Bäume verschneiden! Bei strahlendem Sonnenschein macht das riesig Spaß (, bei Regen ist das scheußlich). Wieder so eine Aktivität an der frischen Luft, die überhaupt kein Fitness-Studio erfordert, keinen Monatsbeitrag, keine Sportkleidung -  nur eine Teleskopast-Säge, evtl. eine Schneidgiraffe, etwas Fachwissen und jede Menge Muskeln in den Armen und im Nacken. Meine Arme sind nach 5 Stunden Baumschnitt nun so lang wie meine 4-Meter-Teleskopsäge ... ich fühle mich wie Orang-Utang-Klaus. Kann es sein, dass meine Fingerknöchel auf dem Boden schleifen?

Eine Mischung aus Honig-Met und Cidre, nur mit noch weniger Alkohol: der Apfel-Kvass

Ja, Bäume schneiden ist ein Kraftakt, aber einer der sich lohnt. Immerhin geben einem die  Bäume ja auch viel zurück, Äpfel zum Beispiel. Und die kann man nutzten, selbst wenn man zum Kauen zu entkräftet ist. Spontan fällt einen gleich Apfelsaft ein, aber es gibt noch viele Arten Äpfel zu verflüssigen. Eine davon möchte ich Euch heute zeigen: Kvass. Vor 3 Tagen war ich schon fleißig  und hab Apfel-Kvass aus meinen letzten verbliebenen Streuobst-Äpfeln angesetzt. Das geht ganz einfach.

Zutaten für einen sehr einfachen Apfel-Kvass

  • 1 Liter Wasser (Quellwasser oder stilles Mineralwasser)
  • 3-4 Äpfel
  • 1 EL milder Blütenhonig

Schnelle Zubereitung von Apfel-Kvass

Äpfel entkernen und kleinschneiden. (Wer eine Apfelspiralschneider bzw. eine Apfelschälmaschine hat, kann die benutzten, denn dann geht das Schnippeln von Äpfeln wirklich flott: Einmal durchkurbeln, zweimal quer schneiden. Fertig. Mit solchen Schnitzen belege ich z.B. auch meine Apfelkuchen. Schneller gehts nicht.)  Quellwasser mit Honig verrühren und über die Apfelstückchen gießen. Das Gefäß verschießen und auf die sonnige Fensterbank stellen. 2-3 Tagen gären lassen, je nach Geschmacksintensität und - vorlieben. Abseihen und kalt servieren. Je länger der Kvass gären darf, desto weniger schmeckt er nach Honig und desto stärker ist das alkoholische Aroma. Nach 3 Tagen hat man zwar keinem Cidre, aber doch ein leicht vergorenes Getränk mit einen Alkoholgehalt, den man mal messen müsste. Ich würde sagen, er liegt irgendwo zwischen 0,5 und 1 %. Ist also lediglich leicht anregend, sehr süffig und wäre daher eigentlich eine tolle Sommerbowle.
Bereits nach gut 24 h sieht man es schon am Rand des Gefäßes schon schäumen:
Die Gärung hat eingesetzt.

Kvass: Das Ost-ukrainisches "Flüssig-Brot" in 1001 Varianten

Kvass kommt, soweit ich es recherchieren konnte, aus der Ostukraine und ist die Urform des "Flüssigbrots". Im Original lässt man ihn nämlich auf einer Basis aus Roggenbrot,  Rosinen und etwas Hefe im Wasser vergären. Ergebnis ist ein leicht süßsaures, schwach alkoholisches Getränk.  Es gibt unzählige Variationen mit allen möglichen "Spezialzutaten", aber auch Kvass-Rezepte ohne Roggenbrot, so wie dieses. Man hat fast das Gefühl, dass es nur auf eines ankommt: Man füge irgendwelche Lebensmittel dem Wasser zu und lässt sie gären. Das mit der Sommerbowle funktioniert deshalb ebenfalls: Einfach 400 g Beeren in 1 Liter Wasser mit einen Löffel Honig ansetzten. Fertig.
Jede ukrainische, lettische, weißrussische, polnische, estische oder russische Familie scheint ihr traditionell überliefertes Familienrezept zu haben. Das macht Kvass auch so spannend und es lässt sich prima mit ihm experimentieren. Wer also nach Osten fährt und von den Menschen dort zu einem Tässchen Kvass eingeladen wird, darf sich nicht wundern, wenn das überall anders schmeckt. Natürlich ist das aktuelle Tässchen stets "das Beste, das Sie je getrunken haben" ;).  Auch in der Schreibweise ist Kvass sehr bunt:  Kwas, Quas, Kvass, Kvasok - je nach Land. Ich hab mich mal für die lettische Schreibvariante entschieden.

Was gärt denn da im Apfel-Kvass?

Drei Tage geduldiges Warten, dann ist der
Apfel-Kvass fertig.
Wer den Blog hier aufmerksam verfolgt, der weiß, dass ich eine Vorliebe für Einfache, Schnörkellose und  Überschaubare habe. Apfel-Kvass passt voll in diese Linie.
Man kann ihn als noch weniger alkoholhaltige Cidre-Variante bezeichnen, auch wenn mich die Franzosen dafür steinigen würden. Mich erinnert es wirklich an einen milden Cidre, der nach drei Tagen Gärung aber längst nicht so klebrig süß schmeckt. Nach zwei Tagen erinnert Kvass eher an ein noch nicht richtig vergorenes Honig-Met.
Die Gärung wird, wie beim Honig-Met auch, durch den Löffel Honig eingeleitet, der den Lufthefen auf der Apfelschale als Starthilfe dient. Oh ja, auf so einer Apfelschale aus der Natur ist ein bunter Mikrokosmos vorhanden. Keine Angst: Die Mikroorganismen gehören zu 98% zu den "Guten". Die anderen zwei Prozent beschäftigen unser zivilisationsgeschädigtes Immunsystem und das ist auch gut so. Immerhin ist eine Abwehr nur so gut, wie ihr Training ;) und der Apfel liefert ja die Abwehrstoffe dazu gleich mit.   Ihr solltet also unbedingt Äpfel mit Schale verwenden, am besten ungespritzt und bio, im Idealfall Streuobst-Äpfel, weil da noch etwas Leben auf so eine Apfelschale siedeln darf.  Ansonsten braucht es für den Kvass außer etwas Honig und Wasser wirklich nur noch Äpfel. Mit dem Apfelspiralschneider ist Apfel-Kvass in 5 Minuten angesetzt. Der schwierige Teil folgt dann: Das Warten. Zwei bis drei Tage sollten es schon sein, am Besten auf einer warmen, sonnigen Fensterbank....ich glaub ich höre schon die Brennnesseln sprießen :).

Mit einen weiteren Löffel Honig lassen sich die Äpfel noch einmal ansetzten. Anschließend
kann man sie entweder dem Rumtopf zufügen oder mit der gleichen Menge frischer Äpfel zu
Apfelmus verarbeiten.

Während dessen im Garten: Die Brennnesseln erwachen aus der Winterruhe. Juppie!

Donnerstag, 9. Februar 2017

Unguentum populeum aus Pappelknospen

Heilsalbe aus Schwarzpappelknospen

Eine einfache, aber wirkungsvolle Heilsalbe aus Schwarzpappelknospen, Olivenöl und Bienenwachs.

Wenn man aktuell so durch die Landschaft wandelt, dann fallen einem mitunter die vielen abgeschnittenen Äste auf, die die Straßenmeisterreien gerade von den Bäumen holen. Manchmal werden auch ganze Bäume gefällt. Und so stand ich wieder vor so einen gefällten Riesen. Dieses Mal hat es eine Schwarzpappel erwischt. Die Reste des gewaltigen Baumes lagen noch rechts und links des Weges und die dünnen Äste mit den spitzen Knospen wirkten bizarr und wunderschön. So was kann man doch nicht liegen lassen.
Schwarzpappeln sind recht einfach zu erkennen. Sie haben im Vergleich zu anderen Pappel- Arten
eine tief vertikal zerfurchte Borke und sind meist wahre Baumriesen mit "schlanker Gestalt".
Dieses Exemplar stand wohl zu nah an einen Forstweg, vielleicht war das Holz nun auch
"einfach fällig". Pappelholz ist billig, wächst schnell und wird von Bildhauern geliebt.
Also habe ich gleich mal ein Sträußchen voll mitgenommen und bin zu Hause in die Tiefen der Liternei hinabgestiegen, um nachzuforschen, was denn unsere Vorfahren so aus Schwarzpappelknospen hergestellt haben. Dieses Mal bin ich bei Galenos fündig geworden: Unguentum popouleum, ins Deutsche übersetzt würde es wohl Pappel-Salbe heißen. Galenos war  ein antiker griechischer Ärzt, der irgendwann in seinen Leben im Jahre 130 bis ca 215 n Chr. nach Rom zog. Die Ärzte zu dieser Zeit waren ohnehin zu Lehrzwecken ständig auf Wanderschaft und liefen kreuz und quer durch die antike Welt, mit Vorliebe folgte ihre Tour dabei den aktuellen Kriegsschauplätzen und wenn es gerade keinen  Kriegsverletzten zu versorgen gab, dann war irgendwo gewiss eine Olympiade und da gab es ebenso reichlich gebrochene Knochen und zertrümmerte Gesichter. Olympia hatte mit Boxen und Pankreation ja zwei Sportarten die ohnehin eher unter "Gladiatorenspielen" zu verbuchen wären. Aber das ist eine andere Geschichte. Galenos medizinisches Lebenswerk ist die 14. bändige Methodus medendi. Irgendwann hat sich jemand die Mühe gemacht,  diese Wälzer ins Deutsche zu übersetzten und in den unendlichen Weiten des Internets zu vergraben. Gelegentlich muss man für das Lesen solcher Werke "Eintrittsgeld" zahlen, aber im Falle der Unguentum populeum hat sich das mal wieder gelohnt sich Zugang zu einer solchen Datenbank zu verschaffen. Ob ich nun 5 Euro für eine Tube Heilsalbe auf Paraffinbasis in der Apotheke zahle, oder mit fürs gleiche Geld Zugang ins riesige Reich der antiken Medizin verschaffe und mir die Salbe selbst herstelle....Nun. Da muss ich nicht lange überlegen. Auf ins Abenteuer. Für euch mal wieder kostenlos, aber bestimmt nicht umsonst ;).

Überschaubare Zutaten. Die Antike handtierte viel mit
Olivenöl und Bienenwachs. Mehr braucht es für eine Salbe
eigentlich auch nicht - in diesem Fall kommen nur noch
Pappelkonspen hinzu....

Zutaten für die Heilsalbe

  • 1 EL Schwarzpappel-Knospen
  • 50 ml Olivenöl
  • 1/2 - 1 TL Bienenwachs (je nach gewünschter Konsistenz)

Zubereitung von Unguentum populeum

Die Pappelknospen kleinschneiden, in Öl aufkochen, dann vom Herd ziehen und eine
...diese werden kleingeschnitten....
Stunde ruhen lassen. Das Öl filtrieren und die Knospenstücke entsorgen. Das Öl zusammen mit dem Bienenwachs noch einmal erwärmen bis das Wachs geschmolzen ist. In Tiegel füllen und hart werden lassen.
Weicher wird die Salbe mit 1/2 TL Bienenwachs, fester mit 1 TL (etwa 5 g).

Achtung: Unbedingt einen alten Topf nehmen. Wenn die Pappelknospen kochen, bildet sich ein Belag im Topf, der nur schwer zu entfernen ist.

....in Olivenöl ausgelassen...

Ein antikes Rezept der Römer

....abgeseiht und das warme Öl mit Bienenwachs verrührt.
Abfüllen, fest werden lassen und fertig.
Die römischen Soldaten nutzen dieses Salbe auf ihren langen Wanderungen gegen wundgeriebenen Haut und andere Blessuren. Galenos setzte sie generell bei nahezu jeder Wundversorgung ein.  Die Inhaltsstoffe machen sie entzündungshemmend und fördern die Wundheilung, sie wirkt aber auch abschwellend und hautregenerierend. Ich hab mit ihr gute Erfahrungen bei Blasen an den Füßen gemacht. Ein Wundermittel ist sie nicht, aber schaden tut sie auch nicht.

Aus der Küchen-Praxis: 

"Mama, was kochst du da? Das riecht wie Knete!"
Ja, der Geruch der Salbe beim Kochen erinnert eher an das Chemie-Laboratorium einer  Softknete-Fabrik, als an Naturheilkunde :P
Und weils so schön ist hängen wir noch ein Rezept hintendran.

Schwarzpappeltinktur gegen so ziemlich alles

Schwarzpappelknospen-Tinktur aus Knospen und Weinbrand. Herrlich einfach.

Und weil ich noch eine Handvoll Schwarzpappelknospen übrig hatte, setzte ich noch fix eine Tinktur an. Dafür einfach 1 EL Schwarzpappelknospen mit 100 ml Weinbrand übergießen und 1-3 Monate in die Sonne stellen. Täglich schütteln. Nach 3 Monaten die Tinkur filtrieren und nach Bedarf verwenden.

Wozu ist eine Tinktur aus Schwarzpappelknospen gut?

Jetzt noch 3 Monate täglich schütteln und fertig ist die Tinktur.
Die Schwarzpappeltinktur kann Grippesymptome lindern. Dafür in ein Glas Wasser 10-30 Tropfen geben und  schluckweise trinken. Sie wird in der Naturheilkunde aber auch gegen Fieber, Entzündungen, Anspannung, Schlaflosigkeit und Stress eingenommen. Auch kann man sie wie oben beschrieben dosiert als Mundspülung verwenden. Dann hilft sie gegen Entzündungen im Mund- und Rachenraum. Wer Probleme mit Juckreiz, Verstauchungen, Wunden, Hämorrhoiden oder Verbrennungen hat, kann eine Kompresse mit Pappeltinktur versuchen. 

Wie immer gilt: Dies ist keine medizinische Beratung. Selbstmedikation und das Verwenden von selbst hergestellten Mitteln und Rezepturen obliegt in der Verantwortung eines jeden Einzelnen. Ich übernehme dafür keine Haftung. Bleiben Beschwerden länger als 3 Tage sollte man unbedingt einen Arzt zu Rate ziehen. 
   
Schwarzpappeln sind meist schlanke Baumriesen. Diese
beiden sind jünger als ein Jahrhundert und dennoch
stattlich, denn Pappeln wachsen im Vergleich zu
anderen Laubbäumen rasant. Trotzdem schade, wenn so
einer der Säge zum Opfer fällt.

Infos zur Schwarzpappel und zum Sammeln

Die Schwarzpappel war Baum des Jahres 2006, da ihre Bestände mittlerweile so stark rückläufig sind, dass man sie auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gesetzt hat (an der Rückläufigkeit hat sich bis heute auch nichts geändert). Man schätzt, dass es in Deutschland noch rund 3000 solcher Bäume gibt. Daher nicht einfach hergehen, "Eureka eine Schwarzpappel" rufen, Knospen abrupfen und Salbe daraus kochen. Wie geschrieben: Wenn man Äste auf dem Weg findet ist das kein Problem, aber Knospen direkt von den Bäumen zu pflücken, sollte man vermeiden.

"Zu fällen einen schönen Baum, braucht 's eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenk' es, ein Jahrhundert.
Eugen Roth, Der Baum