Dienstag, 10. April 2018

Löwenzahnsalat mit gebratenen Äpfeln und eine Buchempfehlung mit Kaufhemmung



Das war ´s. Meine letzten Äpfel gehen zur Neige. Äpfel als Saisonobst kommen erst wieder mit dem Klarapfel im Juli auf den Tisch. Aber aktuell sitzte ich noch vor den Schrumpeldinger und mag auch den 15 Apfelkuchen nicht mehr essen. Was tun?  Schrumplige Äpfel und sprießendes Unkraut?  Da fiel mir ein Rezept aus einem Kochbuch ein, das ich geschenkt bekommen habe. Heute der ultimative Vergleich zwischen foodstylisch aufgepepptem Rezept in einem Buch und kochen wie "bei Unkrautmuttern". Zu finden ist das Rezept im Buch "Wildes Grün - Verführerische Wildpflanzenrezepte durch das ganze Jahr" von Diane Dittmer, Anke Schütz und Krisztina Zombori im AT Verlag. Rund 7 Euro kostet das, aber meine Überlegungen zum Thema Buchkauf lest ihr weiter unten. Vom Buch her eine klare Empfehlung. Aber erst mal Unkraut vernichten.

Zutaten für den Löwenzahnsalat mit gebratenen Äpfeln

Fehlen noch Speck und Zwiebel und die Zutaten
fürs Dressing, aber ansonsten ist das eine
wirklich bunte Mischung.
  • eine Handvoll Löwenzahnblätter
  • eine Handvoll junger Gierschblätter
  • 1 Zwiebel
  • 4 EL Rapsöl
  • 1 EL Honig 
  • 1 TL Senf
  • 2-3 EL Apfelessig
  • Salz und Pfeffer
  • ca. 70 g Schinken
  • 2 Eier 
  • Butter
  • Blüten zum Dekorieren (aktuelle gehen Gundermann und Gänseblümchen. Der Löwenzahn blüht bei uns wohl in 1-2 Tagen.)

Zubereitung

Die Eier wachsweich kochen. Derweil den Giersch und den Löwenzahn waschen, gut abtropfen lassen, die Stiele entfernen und grob kleinschneiden. Die Zwiebeln in Ringe und den Schinken in feine Würfel schneiden.

Den Schinken in einer beschichteten Pfanne anbraten und die Zwiebeln zufügen. Wenn die Zwiebeln weich gedünstet sind, beides aus der Pfanne nehmen. Nun die Äpfel entkernen und in Ringe schneiden. In der Pfanne wenn nötig etwas Butter schmelzen und die Äpfel kurz weich braten.

Aus  Öl, Honig, Senf und Essig eine Salatsoße mischen und mit Salz und Pfeffer abschmecken. (Da meinen Apfelessig dieses Jahr sehr stark ausgefallen ist, kann es sein, dass ihr noch mal einen 1 EL Apfelessig braucht.) Alles in ein Schüssel geben und mit der Soße vermengen. Zum Schluss die Eier in Scheiben zufügen und mit Blüten dekorieren. Guten Appetit.

Sieht doch fast aus wie im Buch. Löwenzahn-Giersch und Äpfel als Salat.

 

Nachhaltige Rezeptvariationen

Zwiebeln. Frühlingszwiebeln, Gemüsezwiebeln oder Lauch - nehmt was im Kühlschrank oder im Keller liegt, das passt alles dazu.

Essig. Zugegeben, Essig schmeckt immer anderes, aber das macht es auch so spannend: Im Rezept war Himbeeressig angegeben, aber was soll ich mir den nun kaufen, wenn ich 10 Liter selbst gemachten Apfelessig zu Hause habe?

Öl. Den wohl größten Unterschied macht es, Olivenöl (im Originalrezept verwendet) auszutauschen. Das hat einfach einen ganz speziellen Geschmack.  Dennoch versuche ich so wenig Olivenöl zu verwenden, einfach weil es nicht regional verfügbar ist und importiert werden muss. Nachhaltigkeit. Wäre ich Grieche, ich würde nur Olivenöl nutzten, wenn ich in Griechenland leben würde. Aber hier bei uns ist die Ölauswahl auch nicht ohne: Von Raps- über Sonnenblumen- bis Nussöle, von Traubenkernöl bis zu Leinöl... Ich bin nachhaltiger Umweltschutzpragmatiker in der Küche, erst in zweiter Linie Gourmet: Daher nutze ich lieber regionale Rapsöl, statt importiertes Olivenöl.

Schinken oder Speck. Der ist austauschbar. Wer es fleischlos mag, kann das Rezept einfach mit geräuchertem Tofu probieren. Sicher auch eine gute Kombination: Walnüsse oder gerüstete Haselnüsse.  Fleisch und Klimaschutz sind heikel und gehen irgendwie nicht zusammen. Das ist mir durchaus bewusst. Daher reduziere ich die Schinkenmenge im Rezept um 1/3 und investiere in Bio-Fleisch. Insgesamt ist der Geschmack besser und das Gefühl beim Essen auch. So ganz kann und will ich nicht vegan leben.

Blüten. Die sind optional. Das Auge isst mit und den Salat mit 3 Blüten zu dekorieren dauert keine 2 Sekunden. Essbar sollten sie sein und am besten vor der Haustür wachsen. Gänseblümchen sind immer gut, sofern keine Allergie auf Korbblütler besteht, aber dann ist Löwenzahn ohnehin tabu.

Eier. Man achte auf glückliche Hühner und glückliche Eier aus räumlicher Nähe. So wurden bei mir aus 4 Eiern nur 2. Die anderen beiden gibt es Morgen. Der Rezept hat es nicht gemerkt.

Honig. Es gibt konventionelle Imker,  Bio-Imker und Demeter-Imker, so wie es Kuckucksbienen, Honigbienen und Wildbienen gibt. Der Imker und die Bienen....das sagt sich so leicht.

Eine Buchempfehlung mit nachhaltigen Hindernissen

Sieht mein Salat nun so aus wie der Salat im Buch? Das Grünzeug hab ich kleiner geschnippet.
Mit einen ganzen Löwenzahnblatt im Mund, fühle ich mich sonst wie eine Kuh.
Ich ertappe mich dabei, wie ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich einen Amazon-Link hier angebe für ein Buch, das dann gekauft wird über einen invasiven Giganten, der die kleinen, lokalen Buchhändler kaputt machen, nur weil ich mit dem Link 20 Cent verdienen kann. 20 Cent, die ich sonst nicht hätte, wenn ihr zum örtlichen Buchhändler geht und das Buch dort kauft. Eigentlich war das auch der Grund, warum ich mir sagte, ich veröffentliche meine Rezepte, denn nur ein nicht gekauftes Buch, ist wirklich nachhaltig. Das Internet ist die größte gratis Sharing-Community der Welt.  Irgendwie schön. Man könnte mit dem Internet viel unnötigen Konsum reduzieren, sicher wäre das nachhaltiger, als mit dem Internet den Umsatz anzukurbeln und dafür zu sorgen, das die Leute Unsinn kaufen, den sie eigentlich nicht bräuchten.

Aber genau das ist das Dilemma der Gesellschaft von heute. Jeder möchte und muss ein wenig Geld verdienen, weil wir in einer geldorientierten Gesellschaft leben. Ein wenig verdienen muss ich auch.

Mit diesem Blog habe ich übrigens schon ganz 12,98 Euro verdient - in 3 Jahren! Das sind 1 1/3 Gläser  Bioland-Honig. Hurra - in der Theorie. Praktisch frisst die Stromrechung fürs Bloggen das Geld und die Reparatur des mittlerweile 10 Jahre alten Laptops. Ich zahle drauf. Also doch 20 Cent für ein Buch über Amazon? Zu welchem Preis für den regionalen Einzelhandel und die Umwelt?

Nachhaltiges nicht-konsumieren und die Kinder der 7.Generation bewahren

So ist das, wenn man nachhaltig und still seinem täglichen Streben nach einer besseren Welt nach geht. Man beginnt zu zweifeln und ein wenig zu verzweifeln. Aber vielleicht sammelt ihr nachher Löwenzahn und freut euch an den Bienen. Mehr braucht es doch eigentlich nicht. Eben darum geht es doch bei Nachhaltigkeit, oder? Den Kinder der 7. Generation noch das Leben von heute zu ermöglichen? Nein, das ist falsch. Das Leben von heute können wir ihnen nicht ermöglichen, weil wir jetzt schon deutlich über die Stränge schlagen, aber vielleicht schaffen wir es, in deutlich weniger als 7 Generationen so weit runter zu drosseln, dass es für weitere 7 Generationen keine Einschnitte mehr Bedarf. Das wäre fantastisch.  Dafür müssen wir nur eines tun: Weniger...Konsum.

Alles da - so einfach

Weniger. Einfach einen Schritt zurück machen. Einfach anfangen. Einfach bewusster. Einfach bescheidener und einfach glücklich. Alte Äpfel vom letzten Herbst doch noch schnell verwerten, statt sie wegzuwerfen, ein wenig Unkraut vor der Haustür statt konventionell angebautem Salat aus dem Supermarkt, ein Buch das man bewusst NICHT kauft, weil man im Internet viele schöne Rezepte findet und schon ist man satt und glücklich, eben nachhaltig zufrieden.  Es braucht nicht viel. Wir haben doch alles.
Nachhaltiger Salat mit allem was die das Umfeld hergab. So schmeckt Nachhaltigkeit.






Sonntag, 1. April 2018

Willkommen im Frühling

Von Blümchen und Bienchen - Bee wild

Endlich ist der Winter vorbei. Auch ich melde mich aus der Winterpause zurück. Zeit des Erwachens. Manchmal wird man dabei Zeuge ganz erstaunlicher Ereignisse...auf der eigenen Terrasse, direkt vor der Haustür. Das Leben erwacht.



Mein ersten Youtube-Video. Ich hoffe es gefällt euch.

Und was kann ich tun um den (Wild-)Bienen zu helfen? 

Wie wäre es mit einen ungespritzten Obstbaum im Garten? Kein Garten? Eine Mirabelle im Topf für den Balkon? Nur eine Fensterbank? Wie wäre es mit einem Blumenkasten, in dem ein paar Wildpflanzen blühen? Als Unkrautgourmet kommt das Nahrungsangebot der Wildbienen einem in weiten Teilen entgegen: Löwenzahn, sämtliche Malvenarten, Wiesensalbei, Taubnesseln, Beinwell, Rotklee, Barbarakraut, Eibisch, Gundermann, Bärlauch, Wiesenschaumkraut usw. - die Sämerrein gibt es ab Sommer wieder gratis auf der Wiese, Gundermann lässt sich jederzeit einfach absenkern. In ein paar Wochen schon kann man die Samen der Veilchen ernten. Einfach mal schauen, wo was blüht. Der Frühling ist da, es gibt viel zu entdecken. Aber auch alle Küchenkräuter, die man blühen lässt, wie Thymian, Rosmarin, Minze und Co. helfen vielen Bienenarten - nicht allen, aber einigen. Super schön und super nützlich: Artischocke im Topf und diese blühen lassen. Nahezu unverwüstlich und gern angeflogen: der Dost.
Kein Garten, kein Blumenkasten? Aber Internet? Dann kann man auch helfen, indem man sich für den Verbot der Neonikotinoide einsetzt, z.B. hier: https://aktion.campact.de/bienenkiller/appell/teilnehmen. Neonikotinoide, ein schweres Wort, aber auseinandergenommenganz einfach:
Neo = neu,
Nikotin = Hauptwirkstoff im Tabak,
 -oide = ähnlich aussehend,
also bedeutet Neonikotinoide grob übersetzt "neue, tabakwirkstoffähnliche Substanzen".

Der wichtigste Wildbienenschutz: Das eigenen Konsumverhalten!

Vielleicht noch wichtiger als alles andere ist das eigene Konsumverhalten. Das trägt maßgeblich zum Bienensterben bei, ohne das es uns bewusst ist. Brot, Obst und Gemüse, Wein, Saft, aber auch Fleisch (das Futter für das Schlachtvieh wird eben genau in den gespritzten, riesigen Monokulturen angebaut) vom Discounter oder Supermarkt ist sicherlich weniger hilfreich, als sich einen Biolandwirt in der Region zu suchen und für die täglichen, guten Grundnahrungsmittel etwas mehr zu investieren, als ständig immer nur billig einzukaufen und Geld für die nächste Flugreise zu sparen. Umdenken. Nachhaltig umdenken. Wir haben das in der Hand.

Meine Mauerbienen für 2019

Das Mauerbienenweibchen aus dem Video ist bereits dabei Eier zu legen und die Kinderstuben einzurichten. Dafür hat sie sich just eine einsam liegende Bambusröhre ausgesucht, obwohl ich extra eine kleine Wildbienenkinderstube aus Apfelholz gebastelt hatte. Rund 30 Eier wird sie in den nächsten 6-8 Wochen legen. Da die nicht alle in die einsame Bambusröhre passen, wird mein Wildbienennistblock sicherlich auch noch besucht. Bohrlochweite: 7-9 mm.  Viele Bienenlarven fallen in der Natur der natürlichen Selektion zum Opfer, aber bei mir auf der Terrasse schlüpfen im März/April 2019 hoffentlich die meisten von ihnen.  Vorausgesetzt der Nachbar sprüht kein Insektenschutzmittel oder die Mauerbienenmama klatscht  auf dem Weg zum Kirschbaum bei der Straßenüberquerung nicht gegen eine Windschutzscheibe. Und dann ist da auch noch ein Haufen hungriger Vögel unterwegs, die eigentlich ein natürliches Anrecht auf so einen pelzgigen Happen haben, weil auch die Vögelpopulation stark zurück geht und die gierigen Kücken Hunger haben. Wildbienenschutz - so wichtig, so einfach.

Freitag, 4. August 2017

Vom Unkrautgourmet zum Insektengourmet

Insektenessen - reine Kopfsache

Insekten zum Essen, hübsch verpackt, aber schon längst in aller Munde.
Böse Zungen behaupten, bei mir gibt es so selten Fleisch, weil ich genug Insekten (mit)essen. Wer weiß...Jedenfalls möchte ich euch heute mitnehmen zu einen Ausflug in den Welt der Enthomophagie, des Insektenessens. Und wer nun glaubt, das betrifft ihn nicht, der irrt sich sehr.
Sicher: Bei den wenigstens wird es Mehlwurm in Aspik geben. Und wer zugibt Entomophage zu sein, der wird in Deutschland nach wie vor für einen "Spinner" gehalten - eine Mischung aus Spinne und Spanner - beides essbare Insekten. Passt. Dabei kannte die (Nach-)Kriegsgeneration noch Engerlingsuppe und kandierte Maikäfer und das ist gar nicht so lange her.

Suppe aus Engerlingen - kann man sich heute kaum mehr vorstellen, allenfalls
im Überlebenskurs.

Unkraut und Insekten - zu Unrecht verschmäht

Warum nun dieses Thema? Weil Unkraut und Insekten zusammen gehörten, weil beides stiefmütterlich behandelt wird und nur durch die Zugpferde "Biene" und "Bärlauch" in der Öffentlichkeit Beachtung finden. Über 25% aller Ackerunkräuter stehen auf der Roten Liste - und es werden immer mehr. Mit ihnen sterben die, die in der Monokultur keine Nahrung mehr finden oder vergiftet werden: die Insekten. Liebe geht durch den Magen. Unkraut esse ich schon lange. Warum also nicht Insekten? Unbewusst konsumiere ich die nämlich schon seid Kindertagen - seid meinem ersten nicht gespritzen Baby-Apfelsaft. Es wird Zeit sich ein paar Dinge vor Augen zu führen.
Kandiere Maikäfer kannte meine Uroma noch.

Schneewittchenapfel oder Made

Wäre dieser Apfel in der Saftpresse gelandet, man hätte nie erfahren, was darin gewohnt hat.
Hätte die Hexe im Märchen Schneewittchen gesagt: "Hier mein hübsches Kind hast du einen vergifteten Apfel oder hier eine Made. Entscheide, wo du reinbeißen willst!" Was hätte Schneewittchen wohl gewählt? Wofür hättet Ihr euch entscheiden? Schneewittchen hatte keine Wahl, aber wir haben sie. Dennoch wählen die meisten den giftigen Apfel. Warum?
Der eine oder andere weiß, dass ich in die Welt des Streuobstbaus abgetaucht bin und da wimmelt es bekanntlich vor Krabbeltieren - auf und im Obst. Ich esse lieber ungespritztes Obst und ein ungiftige Kirschmade, als einen mit sonst was gespritzen Schneewittchenapfel -  eben jene absolut perfekte Frucht, über die ich absolut gar nichts weiß, außer das sie zu 100% gespritzt wurde und das gleich mehrfach. Womit? Keine Ahnung. "Hier mein Kind, hast du einen vergifteten Apfel...." Über unsere Lebensmittel wissen wir eigentlich gar nichts. Ist das nicht erschreckend?

In den Saftkeltereien werden die Äpfel grob gewaschen und landen dann
im Stück im Muser. Keiner macht sich die Mühe vorher alle Tiere aus
den Äpfeln zu schneiden.
Selbst beim Pressen per Hand gilt: Alles rein, solange es nicht schimmlig ist.
Und wer in der Maische einen zerquetschten Wurm erkennt, der muss
schon Molekularbiologe sein. Selbst gekelteter Apfelsaft! Es gibt nichst,
was besser schmeckt. Ob es an den mitgepressten Bio-Apfelwicklern liegt?

Unbewusst und schlecht gekaut - zugeflogenes Zufallsessen

In der Tat werde ich - wie ihr alle auch - in meinen Leben wohl schon sehr viele Insekten versehentlich und unwissend mitgegessen haben. Wie viele Käfer ich allein beim Radfahren verschluckt haben, kann ich gar nicht sagen. Verdaut hab ich sie alle. Egal ob 10 g oder 10 kg - geschadet hat mir das nicht. Und auch im Unkraut es ist wirklich nicht einfach immer jeden Käfer heraus zu fischen. Da kann man noch so sehr schütteln und waschen. Hilft nur gut durch zu kochen oder braten, dann ist der Käfer wenigstens gar.

Insektensterben und Insektenessen

Und dann sind da die Kirschen. Viele alte Sorten schmecken göttlich - trotz Maden. Mich stören die nicht mehr, denn sie bringen mich nicht um. Was mich und zahlreiche Insekten umbringt, ist das Gift im Essen, das wir zu Tonnen überall versprühen damit bloß keine Made in irgendwas drin ist, um uns dann über das Insektensterben zu wundern. Provokant auf den Punkt gebracht: Entweder ich akzeptiere das zum Teil madige Obst oder trage zum Insektensterben bei. Absichtlich provokant! Ihr sollt ja nachdenken. Es gibt auch Bioobst ohne Maden, das vor Insektenflug eingenetzt wurde usw., aber das lassen wir mal außen vor, bevor wir wieder anfangen uns irgendwas schön zu reden. Gespritztes Obst versuche ich zu vermeiden, einfach, weil meine Familie schon mannigfaltige Erfahrungen mit dem Thema Krebs machen musste. Damit leben wir länger und die Insekten auch.

Kulinarische Schädlingsbekämpfung ist wie Unkraut essen

10 kg Kirschen - mit Sicherheit sind davon 100 g Maden.
Doch jeder der Kirschen nicht spritzt weiß, dass ab Juni in so ziemlich jeder Kirschen wenigstens ein Lebewesen herumkriecht. Seid gut 10 Jahren ist auch noch die Made der Kirschessigfliege hinzugekommen, die aus Übersee eingeschleppt wurde. Anfangs hab ich versucht die Tiere heraus zu pulen. Heute esse ich die Maden - im jungen Stadium - einfach mit. Der beste Weg der Schädlingsbekämpfung... ist wie Unkraut aufzuessen, statt es weg zu spritzen.

Kirschmaden schmeckt nach Kirsche - wonach auch sonst? Und nein, ich schaue nach wie vor nicht rein in die Kirsche. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß...aber ich weiß es ja, warum stört es mich dann nicht? Insektenessen ist reine Kopfsache. Nur unser kultureller Ekel ist die Barriere, die es zu überwinden gilt. Dafür muss man noch nicht mal in ein teures Insektenlokal marschieren, da reicht die nächste Streuobstwiese.

Von nicht-vegane Kirschen und fleischhaltigem Apfelsaft

Wer sieht sie, die Kirschmade?
Seitdem esse ich ich Kirschmaden quasi im Halbbewußtsein mit. Jeder der mal gesehen hat, wie ein Schwein ausgenommen wird, sollte eigentlich vor einer winzigen Made keine Scheu haben. Klar, wenn sie in den Mund kommt, lebt sie, ist aber spätestens mit den ersten Bissen auch nur ein totes Tier. Vegetarier-Dasein ade.

Der Pfeil offenbart das tiereische Innenleben einer Streuobstkirsche. In den Schale waren dann
noch 10 weitere. Keine hat die kulinarische Schädlingsbekämpfung überlebt.
Gleiches gilt auch für den guten Streuobstwiesen- oder Bio-Apfelsaft. Auch da sind haufenweise diverse Tiere mit rein gequetscht worden. Apfelsaft ist nie vegan, schon gar nicht, wenn er "Öko" ist. Vegan steht da nur manchmal drauf, wenn zum Klären keine tierische Gelatine verwendet wurde, aber wenn die Äpfel nicht einzeln aufgeschnitten wurden und alle Apfelwickler und andere Bewohner eines Apfelgehäuses entfernt wurden, dann ist das "vegan" auf den Flaschenetikett eigentlich ein Etikettenschwindel. Die Menschheit ist mit Insekten im Essen aufgewachsen. Aber wie beim Apfelsaft und der Kirsche gilt: Was ich nicht weiß, kann ich ignorieren....wenigstens stellt der Kopf auf Unwissend und der Magen ist ohnehin blind. Es ist aber eine Utopie zu glauben, man würde keine Insekten zu sich nehmen. Wir tun es...warum also nicht bewusst?

In drei Schritten zum Entomophagen

Nachdem ich mir dessen klar war, machte ich den Selbstversuch: in 3 Stufen vom Unkrautgourmet zum Insektengourmet.

Schritt 1: Esse eine Kirschmade.

Von Weitem betrachtet, mag man sich mit einer Kirschmade anfreunden können. So nah
herangezoom vergrößert sich aber auch der Ekel. Es kostet schon Überwindung die Made
pur zu essen.
Die einfachste Aufgabe, weil schon 1000fach unbewusst gegessen: Kirschmade. Dieses Mal aber pur aus der  Kirsche gepult und bei vollem Bewusstsein. Wah! Lebendfutter. Zugegeben: Wenn einen die Made anguckt, kostet es Überwindung sie zu esse. Die Made ist aber echt klein. Meine Zähne hingegen echt groß. Die Made zieht eindeutig den kürzeren. Kopfsache. Dennoch starrte ich mein Opfer einige Minuten an, bevor ich es verzehrte..Ich esse die Kirschmade nach wie vor lieber nett verpackt in einer Kirsche, als pur :), am liebsten esse ich natürlich Kirschen ohne Maden. Aber ich kann es: Insekten essen bei vollem Bewusstsein.

Schritt 2: Insektenriegel.

Man sieht das den Riegeln von Sens Foods in keinster Weise an, dass diese auf  Basis
von Insektenmehl hergestellt werden. Einziges Manko, das ich festgestellt habe: Bis auf den Riegel
mit Ananas waren alle etwas trocken. Zum Kaffee schmecken die aber prima :D
So eine Made ist winzig. Wie steht es mit größerem? Ich saß eine ganze Weile vor einen Päckchen voller küchenfertiger Heuschrecken....nein, das kann ich - noch - nicht. Ein anderer Weg musste her und an dieser Stelle kam Sensbar ins Spiel.
Hier möchte ich  Bogdan und Micha von Sens Foods für die zweite Packung Insektenriegel danken! Ich mache das Experiment "Insektengourmet" mittlerweile auch für Schüler und andere Gruppen. Schule ist Kopfsache. Insektenessen ist auch Kopfsache. Es gilt neue Erfahrungen zu sammeln und seine eigene Meinungen zu bilden. Viele Kinder sind wirklich mutig und nehmen das echt positiv auf.
Dennoch saß ich anfangs erstaunlich lange vor den Riegeln aus Insektenmehl. Drei Tage lang braucht ich, bis mein Kopf sich an den Gedanken gewöhnt hatte, da rein zu beißen. Kinder machen das binnen Minuten. Kein Witz. Verrückt. Reine Kopfsache. Ich scheine einen Sturkopf zu haben. Doch nachdem der erste Bissen getan war, waren die Riegel schneller weg, als ich dachte. Vor allem den mit "Ananas" und "Orange und dunkle Schokolade" fand ich richig gut. Wie die Riegel pur ohne aromatische Zutaten schmecken, das würde ich gern mal wissen...

Sensbar von Sens Foods und der Schritt ins Reich der Insektenesser

Keine Angst vor Käfern...oder Grillen, denn aus denen
sind die SensBars gemacht.
Crowdfounding sei Dank bin zufällig auf Sensbar gestoßen und fand das Projekt faszinierend. Ob Insektenproteinriegel unsere Ernährung revolutionieren werden, glaube ich zwar nicht, aber vielleicht helfen sie beim Umdenken, Insekten bewusst in die Küche zu bringen. Mich hat es zum Nachdenken angeregt, auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, unsere Insekten zum Essen sollten zukünftig vor Ort produziert werden - vielleicht sind z.B. Bienenlarven vom heimischen Imker eine Option für die Küche (ich weiß, das wird schon gemacht, aber jetzt kann ich mich damit anfreunden). Wie auch immer: Ein Riegel und 1000 neue Ideen. Dafür meinen Dank an das Sens Foods-Team!

Schritt 3: Heuschrecke am Stück

Auch das kann man kaufen: Küchenfertige Heuschrecken am Stück.
"Wie die Riegel pur ohne aromatische Zutaten schmecken, das würde ich gern mal wissen..." Und so zündete ich Stufe 3: Esse Heuschrecken. Nach der Made und dem Riegel war das ein Klacks...oder? Es ist tatsächlich noch mal ein Stück Überwindung mehr, eine Grille oder Heuschrecke frittiert am Spieß zu essen. Aber im Speckmantel ist das wie Kirschmade im Kirschmantel. Happs und weg. Tatsächlich war mein eigener Kopf nach der Zubereitung der Tiere in der Pfanne mit dem Gedanken schnell angefreundet, die etwas spröden Heuschrecken auch zu essen. Meine Familie rümpfte allerdings die Nase...aber das haben sie auch vor vielen Jahren getan, als ich angefangen habe, Brennnessel in die Küche zu schleifen. Es braucht eben alles seine Zeit.
Zweimal Insekt zum Essen: als Grillenmehlriegel oder als küchenfertige Heuschrecke. Für den
Einstieg  in die bewusste Welt des Insektenessens finde ich die Riegel sympatischer:
ist wie Hackfleisch, statt Spanferkel.

Insektenessen, Insektenhotel, Insektensterben  - jeder entscheidet, jeder trägt mit

"Küss mich, ich bin eine verzauberte Prinsessin, aber bitte iss mich nicht!"
Wer kann da widersprechen?
Küchenfertige Insekten und Riegel sind leider relativ teuer: 4 Sensbars kosten 11,49 Euro,  eine Essbare Insekten Mischung* ebenfalls satte 11,99 Euro. Satt wird man davon jedoch nicht. Aber vielleicht hilft der Genuss der Insekten, diese Tiere von einen anderen Standpunkt aus zu betrachten. Für mich ist die Faszination "Insekt" noch gewachsen und ich werde mich wieder auf madiges Obst stürzen.  Das will eh keiner haben, aber jeder möchte ein Insektenhotel im Garten... verkehrte Welt. Aber es wird selbst für mich noch ein langer Weg, bis ich auf der Wiese sitze und frisch gefangene Heuschrecke am Lagerfeuer röste...ich schaue mir die Tiere lieber lebendig an, solange es sie noch in freier Wildbahn gibt...Weil wir ja den Schneewittchenapfel bevorzugen. Weil wir überall Gift spritzen: auf den Hopfenfelder, den Weinbergen, den Getreideäckern und Obstplantage, im heimischen Vorgarten und der Garageneinfahrt, in der Zierrabatte oder dem Gemüsebeet. Das Insektensterben hat jeder einzelne mit zu verantworten, ob er nun seinen englischen Rasen trimmt, Herbizide in die Pflasterfugen seiner Einfahrt sprüht oder Insektizide an seinem Haustier oder dem Gartenhäuschen anwendet, ob er Obst, Wein, Bier oder Getreideprodukte aus konventioneller Erzeugung kauft oder verwendet. Da hilft auch kein Insektenhotel. Insekten brauchen mehr. Alle Insekten. Sie brachen einen intakten Lebensraum. Sie brauchen eine Lobby. Es fängt im Kleinen an. Bei jedem einzelnen.

Zu schön zum Essen: eine wunderbar grüne Heupferdame. Hoffentlich ist sie
nicht an einer Autoscheibe zermatscht.

Montag, 3. Juli 2017

Mädesüß-Tarte zum Blogevent "Kräuter machen Laune" von Talu

Mädesüß-Blüten als Aromageber der Tarte - da machen Kräuter Laune.
Mal wieder ein guter Grund zu bloggen:  Dieser Beitrag ist dem Kräuter-Wettbewerb "Kräuter machen Laune" von Talu gewidmet, einen neuen Portal, bei dem sich auch Kräuterfans sicher wohlfühlen werden. Klar suche ich mir für so einen Beitrag weder Schnittlauch noch Petersilie aus, und auch wer glaubt, dass ich nun zu Brennnesseln und Giersch greife, wird sich wundern. Es ist Mädesüß-Zeit! Also zielt mein Beitrag eher auf die Dessert- und Kuchenfraktion unter euch ab. Was habe ich davon? Eine Mädesüß-Tarte! Lecker. Und natürlich schiele ich ein wenig auf den Publikumspreis - eine Gewürzmühlenset. Ich bin ja bescheiden. Doch das habe ich nicht in der Hand, sondern ihr!

Mürbeteig mit einer Quark-Ei-Nuss-Füllung und dem Geschmack von Honig und Mädesüß.
Als Bestäubung wurden kalorienarm einfach ein paar Mädesüßblüten über die Tarte geschüttelt.
Sieht ein wenig aus wie eine Fleischpastete mit Faschings-Konfetti...schmeckt aber ganz anders ;)

Doch erst die Arbeit und das Vergnügen. Mädesüß! Das findet ihr aktuell an Wasserläufen und kleinen Bächen. Mädesüß gehört zur Hochstaudenflur, zusammen mit Blutweiderich und einigen anderen sehr köstlichen, wilden Vertretern der einheimischen Flora. Zu erkennen ist es wirklich leicht, an seinen wie gelblich-weiße Wolken aussehenden Blütenständen, die nach Zahnpasta oder Kaugummi duften - die Salicylsäure machst möglich. Davon sammelt ihr ein Stäußchen. Sammelt gleich ein wenig mehr und trocknet  die Blüten: Sie sind ein super Teebestandteil und wirken bei Erkältungen mit Kopfschmerzen und Fieber und schmecken auch noch, wie sie riechen.

Sieht mehr aus, als es ist: Die Zutaten für die Tarte. Optional ist Marmelade zum Bestreichen.

Zutaten und Zubereitung der Mädesüß-Tarte 

Butter -  bei 40 Grad Außentemperatur lassen wir  
die einfach in der Sonne schmelzen.

Für den Teig (ein klassischer Mürbeteig tut es auch):

  • 250 g Mehl
  • 80 g Zucker
  • 1 EL Vanillezucker
  • 1 Prise Salz
  • 1 Ei
  • 150 g Butter

Für die Füllung:

Mädesüß - eine Handvoll großer Stauß ergibt....
  • 3 Eier
  • 50 g Butter
  • 250 g Quark (abtropfen lassen)
  • 100 g gemahlenen Haselnüsse oder Mandeln
  • 80 g Honig 
  • 1 kleine Bio-Orange
  • 1 Strauß (etwa 15 Stängel) Mädesüßblüten
  • 3 EL Gelee (z.B.  Johannisbeergelee oder Orangenmarmelade oder einfach  Honig) 

Zubereitung der Tarte:

...entweder gezupft oder mit der Kräuterschere geschnitten...
Für den Teig Mehl in eine Schüssel sieben, in der Mitte eine Vertiefung drücken und die Butter in Flöckchen hineingeben, ebenso Zucker, Vanillezucker, Salz und das Ei. Schnell zu einen Knetteig kneten und mindestens 30 min kühl stellen. Anschließend ausrollen und ein Tarteform damit auskleiden. Die mit Teig ausgekleidete Backform ins Eisfach stellen und sich derweil um die Mädesüßblüten kümmern.
...eine Handvoll Mädesüßblüten, fertig zur Verarbeitung.
 ...und derweil ist auch die Butter umweltfreundlich und
energieeffizient in der Sonne  geschmolzen.
Für die Füllung die Mädesüßblüten von den Blütenstielen zupfen  und kleinschneiden (oder wer eine komfortable Kräuterschere hat, kann die Blüten direkt von den Blütenstielen schneiden - mein Dank für diese Schere geht an Talu! Zukünftig verwerte ich wohl die doppelte Menge Wildkräuter in der Hälfte der Zeit :-)). Butter schmelzen und die Eier trennen. Das Eiweiß steif schlagen. Butter, Quark, Nüsse, Honig und den Abrieb der Orange und den Saft einer halben Orange miteinander verrühren. Dann das steife Eiweiß und die Mädesüßblüten unterheben und die Füllung in die Form füllen. Ab in den Ofen: bei 200 Grad Umluft muss man sich noch 25 min gedulden. Am letzten Drittel der Backzeit ein Auge aus das Backwerk haben und wenn es zu dunkel wird, mit Alufolie abdecken. Noch heiß mit dem Gelee bepinseln, abkühlen lassen und erst dann aus der Form lösen.

Was ist eigentlich ein "Kraut"?

Eine unkonventionelle Backform: zusammengetackertes
Backpapier. Meine Tarteform ist
runtergefallen und zerbrochen.
Eiweiß und Mädesüßblüten kommen nun in die Füllung,
werden aber lediglich untergehoben und nicht gerührt.
Das sieht nun nicht so spannend aus: Die Mädesüß-Tarte
vor ihrem Besuch im Ofen.
Wie gewohnt gibt es zum Rezept noch ein wenig botanisches Geplauder dazu. Dieses Mal fiel mein Blick auf meinem Tisch immer wieder auf das Holzschild: "Ich liebe Kräuter".  Wirklich nur Kräuter? Was genau ist das eigentlich, ein Kraut? Macht sich darüber noch jemand anderes Gedanken, außer  eine UnKRAUT liebende Botanikerin?
Ein Kraut ist botanisch nämlich genau definiert. Es handelt sich um eine nicht verholzende Pflanze, die nach der Blüte und der Ausbreitung ihrer Samen abstirbt oder sich zumindest  ins Erdreich zurückzieht. Im Winter sieht man von ihr also entweder gar nichts, oder lediglich die letzten Reste ihrer Stängel aus der Erde ragen. Aha! Klingt einfach. Was ist mit den mehrjährigen Kräutern? Schaut man genauer hin, ist das auch erst mal keine komplizierte Sache, noch nicht mal bei der zweijährigen Nachtkerze. Diese wächst im ersten Jahr als grüne Bodenrosette, zieht sich im Winter ins Erdreich zurückziehen und im Folgejahr treibt sie kräftig aus, bekommen Blüten, Samen und dann stirbt sie artig getreu der Definition ab. Passt. Gelegentlich gibt es Kräuter, deren grüne Stängel dank milder Winter erhalten bleiben und dann mehrere Jahre in Folge wieder austreiben. Bei meiner Malven kann ich das jedes Jahr beobachten, aber nur, wenn ich sie nicht niedersense. Solche "Ausreißer" schulden wir mitunter auch dem Klimawandel. Verholzen tun die Stängel der Malve dabei aber auch nur partiell, weshalb wir hier ein Auge zudrücken können. Soweit so gut. Nun schauen wir in die Küche und schon wird es mächtig kompliziert. Von wegen Küchen"kräuter"...
Denken wir an Rosmarin, Thymian und Lavendel. Nein, diese Gewächse bitte nicht als junge Pflanzen vorstellen, sondern als schöne große Exemplare in der spanischen Macchia oder wie man sie in wirklich guten Gärtnereien bekommen. Manche dieser Pflanzen sind mitunter mehrere Jahrzehnte alt und haben schon einen richtigen kleinen Stamm. Stamm? Das, woran ihr nun denkt, ist richtig. Ich seid sozusagen auf dem sprichwörtlichen Holzweg, der aber kein Holzweg im sprichwörtlichen Sinn ist. Denn Stämme sind tatsächlich immer verholzt. Streng genommen müsste man Rosmarin und Co.  deshalb zu den Büschen zählen, nicht zu den Kräutern. Selbst Basilikum verholzt, wenn man aus ihm einen richtigen Busch zieht. Diese kulinarischen Vertreter des Mittelmeerraumes sterben auch nicht nach der Blüte ab und ziehen sich im Winter auch nicht ins Erdreich zurück. Damit sind sie botanisch betrachtet also keine Kräuter, sondern Büsche. Aber "Küchenbusch"  hat sich nicht durchgesetzt, was wohl daran lag, das ältere, heimische  Küchenkräuter wie Anis, Fenchel und Kümmel sich tatsächlich nach Kräuterdefinition verhalten und den Begriff Küchenkräuter längst geprägt hatten, bevor das mediterane Buschwerk unsere Küchenschränke infiltierte. Doch wen stört´s? Den Geschmack  nicht - höchstens den definitionsbesessenen Botaniker und der lässt sich mit Baldrian (ja ein echtes Kraut) besänftigen. Na, mit der Störung kann ich leben.

Mädesüß - ein Kraut das Laune die Stimmung wirklich hebt,
denn die Salicylsäure vertreibt Kopfschmerzen.

Blühende Kräuter - Mädesüß ist Inspiration pur

Auch wenn man bei "Kräuter" immer erst mal an "Grünzeug" denkt (mir geht es da nicht anders), verbirgt sich hinter so einen einfachen Begriff zusätzlich eine riesige, bunte, florale Welt - immerhin gehören dazu auch die vielen, schönen Kräutern mit ihren essbaren Blüten, wie etwa die Taglilien, Kapuzinerkresse, Stiefmütterchen und viele weitere. Das Mädesüß ist aus meiner Sicht eines der spannensten Wildkräutern für die Küche, die mich mit ihrem lieblichen und ungewöhnlichem Aroma jedes Jahr aufs Neue inspiriert, die Kochbücher zu verlassen und einfach darauf los zu kochen. Leider findet es bislang ein eher stiefmütterliches Dasein in den Küchen, auch wenn es seid vielen Jahrhunderten einen festen Platz in den Apotheken und Arzneien der Naturheilkundigen hat. Es wird Zeit, dass das Mädesüß, wie der Bärlauch es seid einigen Jahren auch erfährt, eine Küchen-Renaissance erlebt. Vielleicht ist dieses Rezept ja ein Anreiz, sich in neues Gebiet zu wagen. Irgendwo in diesem Blog habe ich noch einige weitere Mädesüß-Rezepte, etwa den Mädesüß-Pudding. Einfach mal im Rezept-Register gucken und inspirieren lassen. Kräuter und Büsche machen nämlich mächtig Laune ;)

Und nun seid ihr gefragt: Talu-Publikumspreis

Wenn Euch der Beitrag gefallen hat, dann freue ich mich, wenn ihr beim Publikumspreis von  Talu mitmacht und für die Mädesüß-Tarte stimmt. :)


Meine Tarte ist ein Tick  zu dunkel geworden. Ah. Zwei Minuten zu lang gewartet.
Vorführeffekt. Tut dem Geschmack aber keinen Abbruch und lässt sich an der
Kaffeetafel mit Puderzucker, Schlagsahne kaschieren. Lecker ist sie trotzdem.

Sahne ist dazu köstlich. Aber an den weißen Blütentuffs darf sich erst einmal das Auge satt essen.
Mein Dank geht an Talu für die Kräuterschere, das nette Brettchen und den Block -
und natürlich für die Einladung zum Kräuter-Wettbewerb.

Als Tipp von meinen Männern: Esst die Tarte warm mit einer Kugel Vanilleeis.
Viel Spaß beim Nachbacken.

Samstag, 13. Mai 2017

Wiesensalbei im Ausbackteig mit Wiesensalbeiblüten-Quark

Beim Spaziergang leuchtete es mich wie eine Leuchtreklame an: "Iss mich" - der Wiesensalbei blüht im prächtigsten Blau-Violett. Zehn Stängel sind schnell gepflückt. Mehr Pflanzenmaterial braucht es auch nicht, um eine Vorspeise oder ein Abendessen für drei bis vier Personen zu kreieren, das mal wieder jedes Butterbrot in den Schatten stellt: Wiesensalbei in Ausbackteig mit Wiesenblütensalbei-Quark.

Wiesensalbeiblätter schmecken längst nicht so intensiv nach Salbei, wie der Name vermuten lässt.
Lecker sind sie dennoch, vor allem im Ausbackteig.
Oh! Essen und so viel davon auf einmal :D. Wiesensalbei riecht vielleicht nicht wirklich gut,
aber das spezielle Bukett geht nicht in den Geschmack über. Außerdem: Optisch macht der
Wiesensalbei richtig was her.

Ausbackteig für die Wiesensalbei-Blätter:

Wiesensalbei - ein Wildkraut für die Küche.
  • 1 Tasse Mehl
  • 1/2 Tasse Milch
  • 1 Ei
  • 1 Prise Salz
dazu:
  • 10 schöne, mittelgroße Wiesensalbeiblätter 
  • Öl zum Ausbacken

Aus Mehl, Milch, Ei und Salz einen Ausbackteig bereiten, der weder zu dünnflüssig ist, noch zu fest. Die Wiesensalbeiblätter waschen, abtrocknen und durch den Ausbackteig ziehen und goldbraun mit etwas Öl backen.

 

Blätter und Blüten gehen jetzt erst mal getrennte Wege. Die
Blüten wandern in den Quark, die Blätter ins Teigbad.

Quark für die Wiesensalbeiblüten:

  • 250 g Quark
  • etwas Mineralwasser
  • 3 Frühlingszwiebeln
  • Blüten von etwa 5-10 Wiesensalbei-Pflanzen
  • Salz, Pfeffer
Die Blüten von den Kelchen zupfen, die Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden. Den Quark mit Mineralwasser cremig rühren, die Zwiebeln und Blüten unterrühren und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Tipp:

Wer möchte kann noch ein oder zwei Salbei-Blätter zufügen, da der Wiesensalbei zur Blütezeit längst an Geschmack verloren hat, aber das hatten wir
bei der Knoblauchsraukenpesto-Rose schon. Es sind wohl auch zur Blütezeit immer noch  mehr Inhaltsstoffe in den Wiesensalbeiblättern - und den Blüten, als in einen konventionellen Eisbergsalatblatt.

Was für eine Farbe! Wiesensalbeiblüten sind eine Pracht, aber gleich....

...sieht man sie im verrührten Quark nicht mehr. Daher lohnt es sich ein paar Blüten für die
Dekoration zurück zu behalten.
Schlagbaum-Mechanismus bei der Bestäubung durch Hummeln....was einer Biologin eben so
durch den Kopf geht, während sie die Blüten abzupft. Der dunklere Kelch kann man zwar
mitessen, aber da er schon ziemlich zäh ist, muss man gut kauen. Es macht also nichts
wenn der eine oder andere kleine Blütenkelch im Quark landet. In den Samenanlagen  - das wissen
wir ja nun - wandern aktuell die meisten Inhaltsstoffe.
Mitessen kann in diese Fall also nur gesund sein.
Wiesensalbeiblätter in Ausbackteig mit Wiesensalbeiblüten-Quark - ein echtes Essen von der Wiese.
Allen Mütten und ihren Familien wünsche ich Morgen einen wunderschönen Muttertag. :)

Donnerstag, 4. Mai 2017

Heferose mit Knoblauchsrauken-Pesto

Mal wieder Unkraut essen und promt versalze ich doch das Knoblauchsrauken-Pesto. Küchenunfälle passieren gelegentlich. Für ungesalzene, gekochte Nudeln taugt das Pesto zwar wunderbar, nur dummer Weise hatte ich über einen halben Liter Pesto versalzen. Was nun? So viele Nudeln kann man ja gar nicht mit Pesto essen. Doch all die schöne verarbeitete Knoblauchsrauke wegzuwerfen, wegen einen Löffel Salz?  Außerdem lässt sich Salz an andrer Stelle sparen, wenn man selber backt. Ein salzfreier Hefeteig ist schnell gemacht und schon hat man wieder ein neues Rezept....oder ein altes, nur den Bedürfnissen angepasst.

Ein simpler Hefeteig - aufgewertet mit Pesto aus Knoblauchsrauke und nett zurechtgeschnitten:
Unkrautküche kann so einfach und lecker sein.

 

Zutaten für die Heferose mit Knoblauchsrauken-Pesto

Pesto von der Knoblauchsrauke -
nicht schlimm wenn es mal
zu salzig wurde. In diesem Rezept
findet sie ihren Platz.
  • 200 g Pesto von der Knoblauchsrauke (auch das versalze)
  • 500 g Mehl
  • 1 Päckchen Trockenbackhefe
  • 300 ml warmes Wasser
  • 1 TL Salz (oder 2 TL, sollte das Pesto nicht versalzen sein)
  • optional: 125 g Schinken 




Zubereitung

Hefeteig ausrollen und mit Pesto besreichen.
Schickenwürfel kann man optional zufügen.
Mehl mit Hefe, Salz  und Wasser zu einem Hefeteig verkneten. Der Teig sollte nicht mehr kleben. Wenn nötig, noch etwas Mehl zufügen. Zugedeckt an einen warmen Ort aufs doppelte Volumen aufgehen lassen. Dann noch einmal kurz durchkneten, zu einen Rechteck ausrollen, mit Pesto bestreichen und wer möchte, fügt noch gewürfelten Schinken hinzu. Das Rechteck von der schmalen Seite her aufrollen, auf ein mit Backpapier belegtes Blech legen und zu einen Kreis winden. Diesen im Abstand von etwa 3 cm  Breite etwa zu 4/3 einschneiden, so dass die Stücke in der Mitte alle noch miteinander verbunden sind (siehe Bild unten). Dann die einzelnen Stück zur Seite kippen und noch mal 30 min gehen lassen. Den Kranz mit Olivenöl bestreichen (ich hab das dieses Mal nicht gemacht) und im vorgeheiztem Backofen bei 220 Grad 20 min goldbraun backen.

So ungebacken sieht er noch nicht wirklich lecker aus....
...nach 20 min im Ofen macht der Knoblauhcsrauken-Pesto-Kranz eine viel besserer Figur -
jedenfalls auf dem Tisch...vom Kaloriengehalt sprechen wir besser nicht.

 

Variationsmöglichkeiten ohne Ende

Natürlich lässt sich statt eines einzigen Kranzes auch einzelnen Schnecken aus der Teigrolle schneiden, die Schnecken als Rose in Muffinförmchen backen, zu mit Pesto gefüllten Taschen verarbeiten usw. Einzig die Backzeit muss dann etwas angepasst werden, da kleine Stücke deutlich schneller gut sind.
Man kann noch gehackte Nüsse, Brennesselsamen oder Emmentaler Käse zufügen, den Kranz mit Käse überbacken, nach dem Backen mit einer Knoblauchzehe abreiben, Knoblauch unter das Pesto mischen oder Giersch :). Wer keine Knoblauchsrauke hat, macht das Pesto mit Brennnesseln und  mörsert eine Knoblauchzehe darunter. Wer auf den würzigen Geschmack von Giesch gekommen ist, der verwendet hier Gierschpesto - das behält beim Backen auch weitgehend das Aroma bei.  Giersch ist ohnehin ein super Würzkraut. Wildkräuter sind unverwüstlich und machen ziemlich viel in der Küche mit. Es ist also alles kein Hexenwerk. Nur Mut.
Das Auge isst mit: So eine Heferose macht sich auf jedem Grillfest gut. Mit Knoblauchstrauke ist sie
dann auch ein echtes Wildkräuter-Highlight.

Ist Knoblauchsrauke zur oder nach der Blüte auch noch essbar?

Immer wieder werde ich gefragt, ob man Knoblauchsrauke auch zur Blütezeit oder danach noch verwenden kann. Dann kommt jenes berühmte "ja, aber". Vorneweg:  Ja! Knoblauchsrauke kann man wie Bärlauch auch auch zur oder nach der Blüte noch essen - ABER: ein Großteils des Geschmacks ost dann weg, denn mit der Blüte fließen die  Inhaltsstoffe der Pflanze in die Blüte und die darin in  Entwicklung befindlichen Samenanlagen. Die Blätter haben zu diesem Zeitpunkt ihre Schuldigkeit getan, und sind zweitrangig geworden. Mit der Reife der Samen sterben die krautigen Pflanzen ab, für die Blätter bedeutet das quasi "Herbstzeit", auch wenn wir selbst mitten im Sommer stecken. Dennoch bleiben sie natürlich essbar, auch wenn sie faserig werden und nicht mehr so zart sind. Es gibt nur wenige Pflanzen, die mit der Bildung der Blüte wirklich giftig werden. Das Scharbockskraut gehört hier dazu.
Den Geschmack hat die Knoblauchsrauke als Kreuzblütler von den Senföl-Glykosiden zu dem das in ihr enthaltene  Sinigrin zählt. Singrin findet sich z.B. auch im schwarzen Senf. Jetzt wird der eine oder andere wahrscheinlich gleich ein A-Ha-Erlebnis haben: Beim Senf isst man die Körner, also die Samen. Die schmecken nämlich beim Senf wirklich scharf. Die Blätter eine Senfpflanze hingegen schmecken eher lasch, weshalb sie auch kaum Verwendung in den Küche finden.  Und nun dürft ihr weiter kombinieren und sicher kommt ihr auf die richtigen Schlüsse: Tatsächlich schmecken zur Blütezeit die Blüten der Knoblauchsrauke deutlich schärfer als die Blätter ! Und denkt noch weiter! Richtig!  Nach der Blüte lassen sich die Samen im Prinzip wie einheimischer Pfeffer verwenden, denn auch sie sind im ausgereiften Zustand richtig pfeffrig-scharf. Probiert es aus! In etwa  3-5 Wochen dürften die Samen der Knoblauchsrauke zumindest bei uns an der Bergstraße bereits reif sein. 2/3 der Samen sollten allerdings stehen bleiben und der Aussast dienen, damit man auch im nächsten Jahr wieder Freude an der Knoblauchsrauke hat, denn sie ist einjährig und auf die Samen angewiesen!
Fazit: Dennoch bleibt die ganze Pflanze die ganze Saison über essbar. Ein grünes, gesundes leicht bitter-würziges Pesto ergibt sich also allemal - ohne Blüten vor der Blüte, mit Blüten zur Blüte, und ergänzt mit Samen, sollte man nach der Samenreife noch Pesto übrig haben. Man kann Knoblauchsrauke also bedenkenlos essen - immer. Und gesund ist sie: antiasthmatisch, schleimlösend, antiseptisch und harntreibend - aber nur in rohem Zustand. Gekocht oder gebacken löst sich das Knoblaucharoma regelrecht in Luft auf. Es verflüchtigt sich. Daher spielt der Zustand der Pflanze in diesem Rezept eigentlich eine untergeordnete Rolle.  Selbstverständlich lässt sich mit dem frischen Roh-Pesto auch frisch gebackenes Brot bestreichen. Doch dieses Mal hatte ich genug Pesto, um es auch mal als Backzutat zu verwenden. Funktioniert wunderbar. Wem das Aroma zu wenig nach Knoblauch schmeckt, der mixt einfach noch 1-2 Knoblauchzehen unter das Pesto. Einzig zu alte Blätter werden bei der Knoblauchsrauke dann doch irgendwann so faserig, dass man dann nicht mehr von Genuss sprechen kann. Ansonsten dürft ihr hier immer herzhaft zubeißen.
Minuten später war die Heferose aufgegessen. Bei drei Männern im Haus ist alles was Schinken
enthält ratz-fatz, auch wenn der in Unkraut eingebettet ist.